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Weihnachten

Rubrik: Religion
Geburt Jesu Christi. Lithografie. Ochmig Reinschneider. Katholische St. Klement Kathedrale Saratow. Ende 19. – Anfang 20. Jh., Papier, Chromolithografie. Deutschland, Neuruppin. Regionales Heimatkundemuseum Saratow.
Jesuskind in einer Krippe. Figuren der Krippe „Geburt Jesu Christi“.
Jungfrau Maria. Figuren der Krippe „Geburt Jesu Christi“.
Josef. Figuren der Krippe „Geburt Jesu Christi“.
Hirten. Figuren der Krippe „Geburt Jesu Christi“.
Hirten. Figuren der Krippe „Geburt Jesu Christi“.
Hirten. Figuren der Krippe „Geburt Jesu Christi“.
Hirten. Figuren der Krippe „Geburt Jesu Christi“.
Hirten. Figuren der Krippe „Geburt Jesu Christi“.
Hirten. Figuren der Krippe „Geburt Jesu Christi“.
Hirten. Figuren der Krippe „Geburt Jesu Christi“.
Hirten. Figuren der Krippe „Geburt Jesu Christi“.
Kameltreiber
Elefantenführer
Elefant
Drei Könige: Caspar
Drei Könige: Melchior
Bretter zur Herstellung bedruckter Lebkuchen. Holz. Anfang 20. Jh., Dorf Mariental, Bezirk Nikolajewskij, Provinz Samara. Heimatkundemuseum Engels.
Bretter zur Herstellung bedruckter Lebkuchen. Holz. Anfang 20. Jh., Dorf Mariental, Bezirk Nikolajewskij, Provinz Samara. Heimatkundemuseum Engels.
Bretter zur Herstellung bedruckter Lebkuchen. Holz. Anfang 20. Jh., Dorf Mariental, Bezirk Nikolajewskij, Provinz Samara. Heimatkundemuseum Engels.
Puppe für ein Mädchen – „Pob“ (Dialekt). Anfang 20. Jh. Wolgadeutsche. Regionales Heimatkundemuseum Saratow.
Puppenwiege – „Pobewik“ (Dialekt), „Pobewiege“. Anfang 20. Jh. Dorf Selman. Ujesd Nowousenskij, Provinz Samara. Regionales Heimatkundemuseum Saratow.
Holzpferd für einen Jungen. Werk des Meisters R.A. Jordan. 1980er Jahre. Dorf Kotowo des Gebietes Wolgograd. Heimatkundemuseum Engels.
Gespann mit dem Weihnachtsmann. Werk des Meisters A.J. Jordan. 1970er Jahre. Station Lapschinskaja des Gebietes Wolgograd. Regionales Heimatkundemuseum Saratow.
Samuil, Tamara und Alexander Arndt mit Geschenken beim Weihnachtsbaum (Birke). Kasachstan, Gebiet Kökschetau, Bezirk Ksyltusskij, Dorf Ujaly. Aus dem Privatarchiv.
Geburt Jesu Christi, Flucht nach Ägypten. Lithografie. Ochmig Reinschneider. Katholische St. Klement Kathedrale Saratow. Ende des 19. – Anfang des 20. Jh., Papier, Chromolithografie. Deutschland, Neuruppin. Regionales Heimatkundemuseum Saratow.
Drei Könige: Balthasar

WEIHNACHTEN ist einer der wichtigsten christlichen Feiertage, der zum Gedenken an die Geburt Jesu Christi eingeführt wurde, und nimmt einen zentralen Platz unter den Feierlichkeiten der Russlanddeutschen ein. Es wurde auf dem Konzil von Ephesos im Jahr 431 als Feiertag gesetzlich festgelegt und wird jährlich am 25. Dezember (nach dem gregorianischen Kalender) gefeiert.

Vorweihnachtszeit

Sowohl bei den Katholiken und den Protestanten in Deutschland als auch bei den Russlanddeutschen geht dem Weihnachtsfest eine Zeit der geistigen Vorbereitung auf das Fest voraus – der sogenannte Advent (lateinisch adventus „Ankunft“), eine Zeit der Buße, der geistigen Reinigung und des Wartens auf die Geburt des Erlösers, was auf den religiösen Grundgedanken des Wartens auf Weihnachten hinweist. Das Weihnachtsfest wird seit 600 n. Chr. auf Initiative von Papst Gregor dem Großen gefeiert. Der Advent dauert drei Wochen (die Sonntage dieser Wochen werden als erster, zweiter und dritter Advent bezeichnet) und zusätzlich 1 bis 6 Tage (je nachdem, auf welchen Wochentag Weihnachten fiel) bis zum vierten Advent am 24. Dezember und der Heiligabend vom 24. auf den 25. Dezember. Während dieser Zeit hielten die katholischen und baptistischen Russlanddeutschen das Fasten ein: Sie arbeiteten, verhielten sich zurückhaltend, beteten, aßen kein Fleisch, hielten sich vom Feiern fern und vollbrachten gute Taten. Die deutschen Protestanten hielten kein strenges Fasten ein, mit Ausnahme der Einwohner von Gerngut (Kolonie Sarepta) und der Mitglieder einiger Gemeinden. Die Zurückhaltung im Alltag und das Verbot des Feierns wurden jedoch von allen Gruppen eingehalten, und alle warteten auf das große Fest. „Es weihnachtet sehr“ – pflegten die Deutschen schon damals zu sagen. Die Mennoniten hielten besondere Predigten und hielten sich an die üblichen Einschränkungen im Alltag: keine alkoholischen Getränke, kein Rauchen und die Einhaltung strenger Normen für das Sexualverhalten. In dieser Zeit putzten, tünchten und entrümpelten alle Deutschen ihre Wohnungen und Wirtschaftsräume gründlich. An Heiligabend wuschen sich alle Familienmitglieder gründlich und zogen schöne, möglichst neue Festtagskleidung an.

Die wichtigsten Arbeiten im Haushalt mussten bis Heiligabend erledigt sein, bevor der „Bote“ (so bei den Wolgadeutschen) kam, der den Beginn des Festes ankündigte. An den Feiertagen wurden nur die dringendsten Arbeiten wie Viehzucht und Hausarbeit erledigt.

Bis zum 24. Dezember wurde in einigen Kirchen, Kathedralen und Gotteshäusern die Weihnachtskrippe, in der Christus geboren wurde, nachgebaut. In den Städten wurden fabrikmäßig hergestellte Krippen aus dem Ausland ausgestellt. An Heiligabend wurde in Häusern, Höfen und Kirchen wie auch in Deutschland ein Tannenbaum (Weihnachtsbaum) aufgestellt. Im alten Deutschland war die Fichte ein besonders verehrter Baum. Damit knüpft die Tradition an den vorchristlichen Brauch an, das Haus zur Wintersonnenwende mit immergrünen Pflanzen zu schmücken, welche die unvergängliche Natur symbolisieren. An Weihnachten und Silvester wurde der Baum mit Glitzer, Lametta, Kerzen und Lichtern geschmückt. Das Schmücken des Weihnachtsbaums mit Kerzen (Feuer) erschien unter dem Einfluss der kirchlichen Symbolik, aber die Menschen schrieben dem Grün und dem Licht eine besondere magische Bedeutung zu. Die in Deutschland bereits im 18. Jahrhundert etablierte Tradition des Schmückens des Weihnachtsbaums wurde von den ersten Siedlern in der zweiten Hälfte des 18. und der ersten Hälfte des 19. Jahrhunderts nach Russland gebracht. Zu Beginn des 20. Jahrhunderts verbreitete sich diese Tradition dann im Zuge der Binnenmigration der Russlanddeutschen in Russland.

Die Russlanddeutschen schmückten Tannenbäume (Kiefern) mit Papiergirlanden, Süßigkeiten, Keksen und Lebkuchen und – seit Ende des 19. Jahrhunderts – mit geblasenen, mit Silberfarbe überzogenen Glasperlen, Folie, Kerzen und Seifenstücken in schönen Verpackungen. In einigen Kirchdörfern der Wolgaregion und Kleinrussland brachte man Anfang Dezember (bei den Katholiken in der Regel am 4. Dezember, dem Gedenktag der Heiligen Barbara) Zweige von Fliedersträuchen, Kirschbäumen (bei den Wolgadeutschen „Christbaum“) oder Birkenbäumen ins Haus und legte sie in Wasser, damit sich bis Weihnachten Blätter bildeten. Denn grüne Blätter symbolisierten Wohlstand und Fruchtbarkeit. Die deutschen Bauern im europäischen Teil Russlands und in Sibirien säten Weizen- oder Roggenkörner in einem Kasten mit Erde aus, die bis zum Fest sprießen sollten.

Die Deutschen in Südrussland und den Steppenkolonien der Wolgaregion begannen erst Ende des 19. Jahrhunderts Weihnachtsbäume aufzustellen, meist in Kirchen oder Gotteshäusern. In der Ukraine begann es mit dem Erscheinen deutscher Pastoren und in der Wolgaregion mit dem Aufkommen von Weihnachtsbäumen auf Jahrmärkten und Basaren. In den meisten Fällen wurde die Rolle der Tanne von anderen Bäumen wie der Erle oder der Birke übernommen und manchmal sogar von einer großen Klette, die im Herbst samt den Wurzeln ausgegraben wurde.

Weihnachtsfest

An diesem Tag gingen alle außer den Kranken, den ganz kleinen Kindern und einer erwachsenen Frau, die den Tisch vorbereitete, um 17:00-18:00 Uhr zum Gottesdienst.

Weihnachten galt, vor allem bei den Protestanten, als Kinderfest, da das zentrale Ereignis die Geburt Jesu Christi war. Das Weihnachtsfest war bei den Wolga-, Wolhynien-, Krim-, Ural- und Sibiriendeutschen üblich.

Pfarrer I. Schleining (Kirchdorf Schilling, Wolgaregion) schrieb: „Der Höhepunkt des Festes war die Weihnachtsfeier in der Kirche, die lange vorher vom Lehrer und seinen kleinen Helfern organisiert wurde. Vor dem Altar stand ein mit bunten Papierbändern und Blumen geschmückter Weihnachtsbaum. Das ganze Dorf war in der Kirche. Im Mittelpunkt des Festes stand die Weihnachtsgeschichte, die vom Lehrer und den Kindern durch Fragen und Antworten erzählt wurde: „Warum feiern wir Weihnachten?“ Die Kinder antworteten und gestalteten ein Bild zur Geschichte vom Erscheinen des Erlösers. Dann sangen die Anwesenden Weihnachtslieder und beteten. Die Bitten der Kinder klangen wie folgt:

 

„Jesus komm mach mir froh.

Da ich der Himmel komm“.

 

Ein ähnliches Bild konnte man bei den Deutschen in der Nähe von Odessa beobachten. Nach Chorälen, Blaskapellen- und Kirchenchorauftritten erzählte der Lehrer die Weihnachtsgeschichte. Es herrschte eine feierliche Stille, nach der die Kinder das Weihnachtsspiel aufführten und in der Nähe des Baumes Gedichte vortrugen.

Als die Sonne unterging, eilten die Krimdeutschen – sowohl Erwachsene als auch Kinder – nach dem Aufstellen eines mit Kerzen und Glasschmuck behängten Weihnachtsbaums im Betsaal zum Fest. Nach dem Läuten der Glocke gab es eine kurze Darbietung auf dem Druckwindharmonium und dann sang die ganze Gemeinde die Hymne „Jauchzet ihr Himmel, frohlocket ihr himmlischen Chöre!“. Daraufhin ertönten die Lieder „Stille Nacht, heilige Nacht“, „Alle Jahre wieder“, „Großer Gott wir loben Dich“, „Es ist ein Ros' entsprungen“, „Kommet, ihr Hirten“, „O, Tannenbaum“ und „Der Christbaum ist der schönste Baum“. Es folgte ein kurzes Gebet und die ganze Gemeinde sang:

„O, du fröhliche, o, du selige, gnadenbringende Weihnachtszeit!“.

Die Lieder „Stille Nacht, heilige Nacht“ und „O, Tannenbaum“ sind unter den Russlanddeutschen bis heute weit verbreitet.

Es gibt eine Variante dieses Liedes, aufgenommen von E. G. Dinges in den 1920er-Jahren in der Wolgaregion:

O, Tannenbaum, o, Tannenbaum,

Wie grün sind deine Blätter.

Du grünst nicht nur zur Sommerzeit,

Du grünst auch, wenn es friert und schneit.

O, Tannenbaum, o, Tannenbaum,

Wie grün sind deine Blätter.

Ei seht, da kam ein Mägdchen her,

Das wollt mir was erzälhlen.

Sie sagt, sie krech ein Kind von mir,

Jetzt sollt ich sie ernähren.

Dazu soll ich der Vater sein,

Da schlägt ein Donnerwetter nein.

O, Tannenbaum, o, Tannenbaum,

Wie grün sind deine Blätter.

Mein Vater schreibt mir durch die Post

Ich soll das Wirtshaus meiden.

Ich aber fragte nicht danach

Und ging dorthin mit Freuden;

Ja mit zerrissen Strümpf und Schuh,

Da eil ich nach dem Wirtshaus zu.

O, Tannenbaum, o, Tannenbaum,

Wie grün sind deine Blätter.

Zu Hause darf ich auch nicht sein,

Da hatt man mich vergessen,

Das kommt wohl von dem Zustand her,

Vom Saufen und vom Fressen.

Da geh ich zu dem Wirtshaus ein,

Dorthin wo meine Kollegen sein.

O, Tannenbaum, o, Tannenbaum,

Wie grün sind deine Blätter.

Die Kammer, die ist auch ganz leer,

Darin ist nichts zu finden.

Als nur ein altes Mordgewehr,

Das will ich umbinden.

Damit zu den Franzosen gehen,

Vielleicht wird dort mein Glück erstehn.

O, Tannenbaum, o, Tannenbaum,

Wie grün sind deine Blätter.

 

„Weihnachten wurde in Wolhynien schön und feierlich gefeiert. An Heiligabend erschienen die Mädchen, die an der Aufführung teilnahmen, in weißen Kleidern, und die Jungen, wenn möglich, in schwarzen Anzügen. In Paaren marschierten die Kinder mit Kerzen zum Betsaal und sangen das Lied ‘Vom Himmel hoch, da komm ich her’. Dann versammelten sich die Kinder um den Weihnachtsbaum, trugen gelernte Lieder vor und spielten Spiele, die vom Gesang der Gemeinde und der Ansprache des Kantors begleitet wurden“, so der Schriftsteller G. Fast.

Nach dem Gottesdienst wurden den Kindern süße Geschenke überreicht. Nicht überall in den deutschen Kolonien ging es so feierlich zu. Die Frau eines Pfarrers aus einem kleinen Kirchdorf in Belowesch erinnert sich, dass die Kinder nicht so sehr verwöhnt wurden. Nach dem Gottesdienst gingen die Kinder zum Haus des Pfarrers, wo seine Frau ihren Patenkindern nach der Lesung eines Gedichts Tüten mit selbstgebackenen Lebkuchen überreichte. Zu Hause bekamen die Kinder bestenfalls ein paar neue Kleider.

Auf das Kirchenfest folgte ein Familienfest. Jeder, der für eine Weile das Haus verließ, musste zu Heiligabend zurückkehren. Es war nicht üblich, Fremde zum Festmahl an Heiligabend einzuladen. Bei den Deutschen des Gouvernements Cherson wurden nach der Rückkehr der Familie von der Kirche Kerzen am Weihnachtsbaum angezündet und die ganze Familie versammelte sich um den Tisch. Der Vater und die Mutter der Familie lasen die Weihnachtsgeschichte aus dem Evangelium vor, woraufhin Weihnachtslieder gesungen und Geschenke verteilt wurden.

Geschenke und Figuren der Weihnachtsnacht

Der weihnachtliche Mummenschanz ist eines der interessantesten Rituale, die man bei den Russlanddeutschen mit leichten Variationen findet.

Der Mummenschanz, zu dem vor allem das Christkind, Knecht Ruprecht, der Weihnachtsmann und der Pelznikel gehörten, dauerte die ganze Nacht des Heiligabends und wurde oft von einer ganzen Gruppe junger Leute begleitet.

Das Christkind wurde in der deutschen Tradition zu einem kollektiven Bild, das alte Vorstellungen von den Geistern des Lichts, des Schnees und des Winters verband, verkörpert in den Bildern der katholischen Heiligen Katerina (25. November), der Heiligen Lucia (13. Dezember) und dem Sankt Nikolaus (6. Dezember). In der Wolgaregion erzählte man den Kindern, dass das Christkind vom Himmel herabsteigt, um den Kindern ein frohes Weihnachtsfest zu wünschen. „Schon ein paar Tage vor Weihnachten warnte uns unsere strenge Mutter: ‚Wenn ihr nicht brav seid, wird euch das Christkindchen nichts bringen.‘ Und wir versuchten, so gehorsam und brav zu sein, wie es in unserem Alter möglich war. Wir konnten es kaum erwarten und fragten jeden Morgen: ‚Wie oft müssen wir noch aufwachen, bis das Christkindchen kommt?‘“.

Bei den Deutschen in Odessa saßen nach den Erinnerungen von M. Schumm die Kinder, sauber gewaschen und schick gekleidet, mit klopfenden Herzen in der Stube. Dann ertönten Schritte, eine Glocke läutete, und jemand klopfte ans Fenster. Die Mutter öffnete es und fragte: „Wer ist da?“ Eine sanfte Stimme antwortete: „Das Christuskind ist für die Gerechten und die Sünder vom Himmel herabgekommen. Bitte lass uns herein, uns ist kalt vor der Tür“. Plötzlich erschien vor den Kindern das Christkind. Ihre Rolle übernahm meist eine junge Frau oder das älteste Mädchen der Familie. Das Christkind symbolisierte das Kind Jesu Christi und im Volksverständnis die Braut Christi. In manchen Gruppen, wie bei den Deutschen in Sibirien, konnte sich sogar ein junger Mann als Christkind verkleiden. Es trug ein weißes langes Kleid, eine Krone auf dem Kopf und das Gesicht war mit einem Schleier oder Tuch bedeckt. Die Deutschen des Altai kleideten ein Mädchen als Chiskindel (Dialekt) in ein weißes Kleid und setzten ihr ein mit Blumen aus Federn und Papier geschmücktes Netz auf den Kopf. Das Gesicht wurde mit einem Schleier aus Tüll bedeckt, damit die Kinder nicht erkennen konnten, wer es war. Die Farbe Weiß symbolisierte Reinheit und Licht. In den Händen hielt das Christkind einen mit Blumen und Bändern geschmückten Stab oder ein Birkenbündel und einen Geschenkkorb. Es betrat den Raum mit den Worten „Gelobt sei Jesus Christus!“. Die Kinder antworteten mit „In Ewigkeit, Amen!“ und sagten ihm auf seine Bitte hin ein Gedicht auf oder sprachen ein Gebet. Das Hauptthema der Gedichte und Lieder war die Geburt Jesu Christi. Daraufhin schenkte das Christkind den Mädchen Puppen und Süßigkeiten und den Jungen ein Spielzeugpferd, Bälle und Pfefferminzlebkuchen. In der Mitte des 19. Jahrhunderts wurden Bonbons aus gebranntem Zucker, die in Folie eingewickelt waren, und Täfelchen aus süßem Teig in Form eines Reiters auf einem Pferd verschenkt. Nur bei den Wolgadeutschen erhielten auch Erwachsene Geschenke. Neben Süßigkeiten erhielten sie Tücher, Stoff für ein Kleid, ein Tabaksbeutel, eine Tabakpfeife und anderes.

Wenn sich eines der Kinder in der Adventszeit schlecht benahm, kam mit fürchterlichem Klingeln, Poltern und Knurren der „Schreckliche Begleiter“ des Christkinds, der sogenannte Pelznickel (von Pelze „Pelz“ und Nickel „Sankt Nikolaus“, also der „Nikolaus im Pelzmantel“) ins Haus. In verschiedenen Orten wurde eine solche Figur Knecht Ruprecht, Polterklaus, Luzer etc. genannt. Diese Figur zeigte am deutlichsten die Vermischung von christlichen und heidnischen Vorstellungen über das Böse, die dunklen Mächte und die Bestrafung von Sünden. Der Pelznickel trug einen alten, aus Pelz gefertigten Mantel (der als Symbol der Fruchtbarkeit galt), genau so eine Pelzmütze und er war von Kopf bis Fuß mit Ketten und Eisen umwickelt, die manchmal rot angemalt waren, als Symbol für den Teufel. Sein Gesicht war entweder maskiert oder mit Ruß beschmiert, was ein Zeichen für die dunklen Mächte ist. In den Händen trug er ein Bündel Zweige oder einen langen Stock und in den Taschen hatte er Zwiebeln und Knoblauch. Der Pelznickel fragte: „Kannst du beten oder singen jder Stocksptinger?“ („Kannst du beten oder singen, oder bekommst du eins mit dem Stock?“) Der Pelznickel wurde nicht in jedes Haus gelassen. Die Kinder hatten Angst vor ihm, und in die Häuser, in denen es keine unartigen Kinder gab, wurde er nicht gelassen. Auch das Christkind konnte für kleinere Vergehen bestrafen.

In den Traditionen der Russlanddeutschen gab es noch andere Figuren zu Weihnachten. Nach Peltznickel gab es bei den Wolgadeutschen den bösen Weihnachtsfuchs („Weinahsfuchs) oder den Knecht Ruprecht, gekleidet in einen nach links gedrehten Pelzmantel mit Ketten und Stock, der verlangte, dass ihm unartige Kinder ausgeliefert wurden. Der Geräuscheffekt unterstreicht den märchenhaften Charakter der Figuren. Der Pelznickel (Nikolaus im Pelzmantel) oder Knecht Ruprecht zwang die Kinder, Eisenketten zu kauen, über einen Stock zu springen und schenkte ihnen zum Abschied eine Zwiebel. Auch im Ural gab es in einigen katholischen Kirchdörfern neben dem Christkind und Pelznickel noch einige andere weihnachtliche Figuren wie Kibe (von Kiebitz) und Petru (guter Geist, Personifizierung des Heiligen Petrus). In der Wolgaregion war die Figur des Heiligen Petrus in der Weihnachtstradition einer der Begleiter vom Christkind. Zusammen mit dem Heiligen Josef und einem Esel nahm er am weihnachtlichen Mummenschanz teil. Kibe war eine böse Figur und wurde, wie auch der Pelznickel, nicht in jedes Haus gelassen. Kibe war als Vogel verkleidet und war ebenfalls dafür da, um Kinder zu erschrecken. Er konnte ein unartiges Kind leicht hauen oder es zwingen, eine Zwiebel oder Knoblauch zu essen. Neben dem Pelznickel gab es noch andere Figuren, die auch am Mummenschanz teilnehmen konnten: Knecht Ruprecht, Luzer und Polterklaus. Äußerlich ähnelten sie dem Pelznickel und trugen nach links gedrehte Pelzmäntel, Bärenmasken im Gesicht oder sie schmierten ihre Gesichter mit Ruß ein. Die Wolhyniendeutschen nannten den Pelznickel „Pelzebock“.

Nächtliche Feierlichkeiten und Mummenschanzen waren vor allem für die Dörfer charakteristisch, in denen Lutheraner und Katholiken lebten. Mennonitische und baptistische Dörfer veranstalteten keine lauten Feste und die Einwohner versammelten sich am ersten Weihnachtstag zum Beten. Die Geschenke für die Kinder wurden entweder von den Eltern, von den Gemeindemitgliedern in den Versammlungen zum Beten oder vom Weihnachtsmann (Weihnachtsmun), überreicht. Im Gegensatz zum Pelznickel veränderte er sein Aussehen nur mit einem Schnurrbart, einem Bart und einer Brille. Er erschreckte oder bestrafte die Kinder nicht, sondern verteilte Geschenke, die er aus einem Sack nahm. Die Kinder bereiteten sich auf seine Ankunft vor und lernten Gedichte wie dieses:

Du grete schoine Winachtsmun,

Fe yat doch nicht unz Hüste:

Da Teste es edat

Da Stufte es efest

Wi stunden un e Dir

Einluren boat du onst beschonken hast. (Dialekt)

 

Wunderbarer Weihnachtsmann,

Vergiss unser Zuhause nicht:

Der Tisch ist gedeckt,

Das Haus ist gefegt.

Wir stehen vor der Tür

Und warten darauf, dass du uns beschenkst.

 

Manchmal traten er oder der Nieschmonn (neuer Mensch) als unsichtbare mythologische Wesen auf, die angeblich Geschenke brachten, wenn die Kinder schliefen, und sie auf dem Tisch, in einem Stiefel unter dem Weihnachtsbaum usw. ablegten.

Die Abbilder vom Christkind und dem Weihnachtsmann entstanden während der Reformation in den protestantischen Bundesländern Deutschlands, wo es zu einer Auseinandersetzung mit dem Heiligenkult kam, insbesondere mit dem Kult des Heiligen Nikolaus, der an der Spitze des Mummenschanzes in Tierfellen (am 6. Dezember) Geschenke an Kinder verteilte. In einigen Bundesländern ersetzte das Christkind, deren Abbild Engel und Elfen vereinte, den Nikolaus. In den deutschen Siedlungen Russlands, in denen sich Menschen aus verschiedenen Teilen Deutschlands vermischten, wurde das Christkind zum Hauptbeschenker an Weihnachten, und es konnte von verschiedenen Figuren, darunter auch Nikolaus, begleitet werden.

Weihnachtsspezialitäten

Die Küche zur Weihnachtszeit war deftig und reichhaltig. Bei den Protestanten gab es sieben oder neun Festtagsgerichte. Bei den Katholiken waren es fünf, sieben oder neun. Die Hauptspeise war das Brot, das am 24. Dezember von der ältesten Frau des Hauses aus bestem Mehl gebacken wurde. Mit ihm begann das Essen im Haus. Daraufhin wurden zuerst Suppen mit hausgemachten Nudeln (entweder Rindfleischsuppe oder Hühnersuppe mit Nudeln) serviert. Als zweite Mahlzeit gab es Schweinebraten oder Sauerkrauteintopf mit Schweinefleisch. Obligatorisch war ein Brei, beispielsweise aus Hirse als Zeichen für die kommende Getreideernte. Als Nachspeise gab es Honig oder Nüsse (ein Symbol für die Lehre von Christus), süße Brötchen, Kekse, Streuselkuchen (Rivelkuchen oder Schtreueselkuchen), Brezel und geformte Lebkuchen (Schneke). Die Wolgadeutschen aßen am ersten Weihnachtstag nur eine süße Suppe und Knödel; Fleisch war nicht üblich, da man glaubte, dass Wölfe das Vieh fressen könnten. Jedoch verschwand dieser Brauch mit der Zeit. Am zweiten Weihnachtstag kamen bei den Wolgadeutschen Gänsebraten und manchmal auch Ente auf den Tisch. Außerdem wurde ein Ferkel mit Kartoffeln, gefüllt mit Brei (die Verkörperung der Lebenskräfte und der Fruchtbarkeit), Fleischsuppe mit Knödeln und Milchbrei serviert. Zum Nachmittag aß man Strauben, Krapfen, Windbeutel, Waffeln oder Kuchen mit Äpfeln und Beeren, gefüllt mit Eigelb, das mit Zucker, saurer Sahne und Mehl vermischt war. „Das Weihnachtsessen in den deutschen Dörfern in der Nähe von Odessa bestand aus Hühner- oder Rindfleischsuppe mit Nudeln und süßen, mit Rosinen gefüllten Brötchen sowie Schweine- oder Rinderbraten mit Kartoffelpüree“. Die beliebteste Leckerei für Kinder waren Lebkuchen (Prezelin), die in Form von Sternen, der Mondsichel und verschiedenen Tieren gebacken wurden und an das verbrannte Brot der Hirten erinnerten, die zur Wiege des Erlösers kamen, wobei die Formen die Fruchtbarkeit symbolisierten.

Feierlichkeiten und Unterhaltung

Das Weihnachtsfest wurde bei Protestanten und Katholiken in der Regel 2-3 Tage lang gefeiert. Am zweiten Tag gingen die Kinder am Nachmittag zu ihren Pateneltern und kamen mit Taschen voller Süßigkeiten zurück.

An Weihnachten wurde viel getanzt. Die Lieblingstänze der Kolonisten waren der „Hopsa-Walzer“ und der (aus Deutschland mitgebrachte) Siebensprung sowie der Kamarinskaja, den sie von ihren russischen Nachbarn gelernt hatten. Die Wolgadeutschen tanzten Polkas auf eine eigentümliche, schwindelerregend schnelle Art mit klopfenden Absätzen. Nach dem Abendessen versammelte sich die ganze Familie um den Baum und sang Weihnachtslieder wie „Stille Nacht, heilige Nacht“, „Der Christbaum ist der schönste Baum“ und andere. Unverheiratete Jungen und Mädchen versammelten sich nach Mitternacht in der Weihnachtsnacht meist getrennt von den Erwachsenen bei jemandem zu Hause. Jede Gruppe mietete ihren eigenen „Tanzsaal“. Das Essen für die festliche Tafel wurde mitgebracht; die Mädchen trugen unter der Schürze oder an der Brust ein Stück Kuchen, Zucker und Süßigkeiten. Die Jungen machten den Mädchen Geschenke, darunter Tücher, Kämme, ein Stück Stoff für ein Kleid und anderes. Die jungen Leute sangen und tanzten und manchmal ging es auch nicht ohne ausgelassene Feierlichkeiten mit Alkohol, Lärm und Geschrei, was jedoch eher eine Ausnahme als die Norm war.

Die Zeit zwischen Weihnachten und Neujahr galt als gefährlich und war mit Aberglauben und Vorurteilen behaftet (siehe Vorurteile).

Übersetzt aus dem Russischen von Evelyn Ruge

Literatur

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2. NA SOMK. Naučnyj otčet ob Èkspedicii v Èngel´sskij i Rowensikij r-ny Saratovskoj obl. (1997)

3. OGU GIANP. F 1821. Op. 1. D. 20-55.

Autoren: E.A. Arndt Saratow

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