RAUSCHENBACH Boris Viktorowitsch (5. [18.] Januar 1915, Petrograd – 27. März 2001, Moskau), sowjetischer und russischer Physiker-Mechaniker, einer der Begründer der sowjetischen Raumfahrt, Akademiker der Akademie der Wissenschaften der UdSSR, Akademiker der Russischen Akademie der Wissenschaften, Teilnehmer der Volksbewegung der Russlanddeutschen Ende der 1980er Jahre.
Der Vater, Viktor Jakowlewitsch, stammte aus dem Gouvernement Saratow, erhielt seine Bildung in Deutschland, kehrte danach nach Russland zurück und arbeitete mehr als 20 Jahre in der „Genossenschaft der Sankt Petersburger Herstellung von mechanischen Schuhen“ (ab 1910 – Fabrik „Skorochod“), in der er die Position des technischen Leiters der Lederproduktion einnahm. Seine Vorfahren – Karl Friederich Rauschenbach und Sophie Friederika Grunen, welche am 26. Juni 1766 in Roslau (nun das Bundesland Sachsen-Anhalt) die Ehe schlossen, – begaben sich nach Russland anhand des Manifests von Katharina II. „Über die Bewilligung für alle nach Russland einreisenden Ausländer …“. Die Mutter Rauschenbachs, Leontina Friedrichowna, geborene Gallick, wurde auf der Insel Esel (nun Saaremaa) geboren und stammte von den baltischen Deutschen des kaufmännischen Standes, schloss die Schule ab, beherrschte neben der russischen und deutschen Sprache auch Französisch und Estnisch, arbeitete vor der Ehe als Kinderfräulein in einer wohlhabenden Familie.
Rauschenbach wurde am 8. (21.) Februar 1915 in einer evangelisch-reformierten Kirche getauft. In der Geburtsurkunde sind zwei Namen angegeben – Boris Ivar. [Die Schwester Rauschenbachs, geboren im Jahre 1916, erhielt bei der Taufe den Namen Karin-Elena. Nach der Eheschließung nahm sie den Nachnamen des Ehemannes – Andrej Miklucho-Maklais – an.]
Lernte in der Einheitlichen Arbeitsschule Nr. 34, in der ehemaligen Fachschule bei der reformierten Kirche, arbeitete dann als Montagetischler an der Leningrader Flugzeugfabrik Nr. 23. Wurde 1932 in das Leningrader Institut der Ingenieure der Zivilluftflotte (LII ZLF) aufgenommen, begann, sich für Segelfliegerei zu interessieren. Reiste auf die Krim zur Erbprobung von Segelflugzeugen. Lernte auf dem 11. Segelfliegertreffen, das im Sommer 1935 in Koktebel stattfand, S.P. Koroljow kennen, veröffentlichte in der Moskauer Zeitschrift „Flugzeug“ seinen ersten Artikel „Kippsicherheit von schwanzlosen Flugzeugen“. Anderthalb Jahre vor Abschluss des Instituts zog er nach Moskau um, wo er mit der Arbeit im RNII (Raketeninstitut) begann, in der Abteilung von S.P. Koroljow, der sich damals mit Flugelraketen befasste. Der Start der ersten Rakete mit einem Automaten, der von Rauschenbach ausgearbeitet wurde und am 29. Januar 1939 auf dem Übungsplatz in Sofrino stattfand, war erfolglos. Nach der Festnahme von Koroljow (Sommer 1938) wurden die Arbeiten zur automatischen Lenkung von Raketen mit flüssigen Raketentriebwerken allmählich eingestellt. RNII wurde in NII-3 umbenannt. Fast das ganze Institut beschäftigte sich zu der Zeit mit der zukünftigen „Katjuscha“. Rauschenbach wurde damit beauftragt, sich mit der Stabilität des Verbrennens in reaktiven Triebwerken zu befassen. Diese Thematik verblieb für ihn bis Mitte der 1950er Jahre als grundlegend.
Mit Beginn des Krieges wurde das Institut nach Swerdlowsk evakuiert. Dorthin siedelte auch Rauschenbach mit seiner Ehefrau um. (Ab November 1941 bis März 1942 arbeitete Rauschenbach in einem Rüstungsbetrieb. Im März 1942 wurde er in die Zwangsarbeitsarmee einberufen. Er kam in das Tagillag (Nischni Tagil). Dort vollendete er die vor der Einberufung begonnenen Kalkulationen. Der Flugzeugkonstrukteur V.F. Bolchowitinow „verabredete sich“ mit dem NKVD, um Rauschenbach als eine „bestimmte Kalkulationskraft“ zu nutzen. Im Lager verbleibend, arbeitete er im Auftrag des Ministeriums für Flugzeugindustrie. Verblieb nach der Auflösung der Zwangsarbeitsarmee in Nischni Tagil in einer Sondersiedlung.
1948 kehrte Rauschenbach dank dem Ersuchen von M.V. Keldysch, des Leiters des RNII, nach Moskau zurück. Beschäftigte sich mit der Theorie des Vibrationsverbrennens, akustischen Schwankungen in Innenbrennern. Verteidigte 1949 die Promotionsarbeit, 1958 – die Doktorarbeit zum Thema des Vibrationsverbrennens.
Gleichzeitig mit seiner Grundarbeit hielt Rauschenbach von 1947 bis 1951 die seinerseits erarbeiteten Vorlesungen zur Gasdynamik, Gyroskopie, Theorie der Regelung, der Lenkung von Bewegungen und der Dynamik des Raumflugs an der Fakultät für Physik und Technik der Moskauer Staatlichen Universität (MGU). Im Moskauer Physikalisch-Technischen Institut (MFTI) hielt er Vorlesungen vom Zeitpunkt von dessen Gründung im Jahre 1951. Wurde 1959 zum Professor, leitete mehr als 20 Jahre den Lehrstuhl für Mechanik des MFTI.
1954 bildete Rauschenbach eine kleine Gruppe im NII-1, die damit begann, Stabilisierungs- und Orientierungssysteme von künstlichen Begleitern der Erde auszuarbeiten. 1959 sendete das unter der Leitung von Rauschenbach entstandene Mondraumschiff Luna-3 (Mond-3) eine Serie von 29 Fotos der Mondoberfläche, die vorher nicht von der Erde sichtbar war. Innerhalb von weniger als zehn Jahren wurden unter seiner Leitung die Systeme der Orientierung und Koordinierung des Flugs der interplanetaren automatischen Stationen Mars, Venus, Sonde, der Fernmelde-Raumflugkörper Molnija (Blitz), der automatischen und manuellen Steuerung von bemannten Weltraumschiffen.
1960 wurde durch einen speziellen Beschluss der Regierung die gesamte Gruppe von Rauschenbach aus dem NII-1 in das OKB-1 nach Kaliningrad des Gebiets Moskau (heute Koroljow) versetzt, wo die Abteilung 027 für Systeme der Orientierung und Steuerung von Raumfahrtkörper gebildet wurde. Rauschenbach nahm aktiv an der Vorbereitung des ersten Weltraumflugs eines Menschen teil. Er hielt Lehrveranstaltungen für die erste Gruppe von Kosmonauten zum Thema „System der Steuerung“ ab . Im OKB-1 arbeitete er bis 1978. Dann ging er wegen mangelnder Neuheit der Problematik. Wurde im selben Jahr zum ersten Vorsitzenden des Komitees der Akademie der Wissenschaften der UdSSR zur Ausarbeitung des wissenschaftlichen Erbes der Pioniere der Erschließung des Weltraums ernannt.
1966 wurde B.V. Rauschenbach zum korrespondierenden Mitglied und 1986 – zum tatsächlichen Mitglied der Akademie der Wissenschaften der UdSSR gewählt.
Die Arbeit im Bereich der Raketentechnik fortsetzend, begann Rauschenbach die Theorie der Perspektive in der Darstellungskunst, Theologie zu untersuchen. Ende der 1980er Jahre wurde er zu einer der führenden Personen der Volksbewegung der Russlanddeutschen, trat für die Wiederherstellung der Republik der Wolgadeutschen auf. 1987 wurde Rauschenbach Mitglied des Komitees für Menschenrechte des Obersten Rats der UdSSR. Trat als Berater zu Fragen der religiösen Freiheiten bei der Ausarbeitung des Gesetzes „Über die Freiheit des Gewissens und des Glaubensbekenntnisses“ auf. War Mitvorsitzender des Fonds von Soros in der UdSSR (Russland) vom Tag von dessen Gründung (1987), wurde nach der Umgestaltung des Fonds zum Vorsitzenden des Aufsichtsrats des „Open Society Institute“ (Россия). War Mitglied von Redaktionskollegien vieler Zeitschriften und Bücher. Stellvertretender Chefredakteur der Zeitschrift „Weltraumforschungen“, Mitglied des Redaktionskollegiums der Serie „Aus der Geschichte der vaterländischen philosophischen Idee“.
Erhielt 1960 den Leninpreis für die einmalige Arbeit für Fotografieren der Rückseite des Monds. Wurde für besondere Verdienste in der Entwicklung der vaterländischen Wissenschaft, der Vorbereitung von hochqualifizierten Spezialisten für die Volkswirtschaft mit dem Orden des Roten Banners der Arbeit ausgezeichnet und erhielt 1990 den Titel des Helden der sozialistischen Arbeit. Wurde 1994 zum Träger des Demidow-Preises. Für die Monografie „Steuerung der Orientierung von Raumfahrtkörper“ wurde er mit der K.E. Ziolkowski-Auszeichnung (1999) gewürdigt.
Rauschenbach war mit V.M. Iwantschenko verheiratet (heiratete im Mai 1941), hatte zwei Zwillingstöchter – Vera und Oksana (1950 geboren).
Im Jahre 2011 gründete der Internationale Verband der Deutschen Kultur (Moskau) die Boris-Rauschenbach-Auszeichnung des Allrussischen Wettbewerbs „Beste Namen der Deutschen Russlands“ im Bereich der Wissenschaft.
Die Enzyklopädie wurde auf die Initiative der öffentlichen Organisation „Föderale nationale Kulturautonomie der Russlanddeutschen“ (FNKA RD) unter aktiver Beteiligung der Internationalen Assoziation zur Erforschung der Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen erstellt. Das Projekt wurde von den Regierungen der Russischen Föderation und der Bundesrepublik Deutschland unterstützt. Während der Projektdurchführung wurden Geldmittel verwendet, welche gemäß den Anordnungen des Präsidenten der Russischen Föderation und auf der Grundlage von durchgeführten Wettbewerben der „Nationalen Wohltätigkeitsstiftung“, den allrussischen öffentlichen Organisationen die „Gesellschaft „Wissen“, die „Russische Union der Rektoren“ u.a., in den Jahren 2015–2017 als Zuschüsse zugewiesen wurden.
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