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RADLOFF Ernest Lwowitsch (Leopoldowitsch) (1854–1928), Philosoph, Historiker auf dem Gebiet der antiken, europäischen und russischen Philosophie, Übersetzer

Rubrik: Biographische Beiträge (Personalien) / Vertreter des sozialen Bereichs (Bildung, Medizin)

RADLOFF Ernest Lwowitsch (Leopoldowitsch) (* 20. November 1854 in Sankt Petersburg; † 28. Dezember 1928 in Leningrad), Philosoph, Historiker auf dem Gebiet der antiken, europäischen und russischen Philosophie, Übersetzer.

Stammte aus dem Geschlecht Radloff. Sein Großvater Karl Friedrich Radloff (1783–1842) stammte aus Sachsen. Ab 1822 besaß er die russische Staatsbürgerschaft und war Lateinlehrer. Der Vater Lew (Leopold Karl Theodor) Fjodorowitsch Radloff (1818–1865 in Gotha, Deutschland) war Ethnograf und Pädagoge.

R. absolvierte das 6. Sankt Petersburger Gymnasium. 1873 nahm er ein Studium an der historisch-philologischen Fakultät der Universität Sankt Petersburg auf, das er 1877 mit dem akademischen Grad eines Kandidaten abschloss. Seine Diplomarbeit zum Thema „Vergleich der Dialoge Platons „Politeia“ und „Nomoi“ und Herausarbeitung ihrer Unterschiede in Bezug auf Ausrichtung und Inhalt“ wurde mit einer goldenen Medaille gewürdigt. Als Student von Professor M. I. Wladislawlew, welcher der Lektüre und dem Kommentieren von Platon und Aristoteles vorrangige Bedeutung beimaß, entwickelte Radloff eine Neigung zur Beschäftigung antiker Philosophie, die er zeitlebens beibehielt. S. A. Schebeljow schrieb: „von seinen Universitätsprofessoren erinnerte sich Radloff häufig an den Hellenisten K. J. Lugebil und an die Latinisten G. I. Lapschin und I. W. Pomjalowskij. Ersterer hat Radloff gute Kenntnisse der griechischen Sprache vermittelt, was ihm später bei der Beschäftigung mit den griechischen Philosophen sehr von Nutzen war“.

R. wurde zunächst zur Vorbereitung auf die Erlangung des Professorentitels an der Universität belassen. Später wurde er für den Besuch von Vorlesungen und die Vorbereitung auf die Magisterprüfungen auf eine Bildungsreise nach Leipzig und Berlin geschickt (1877–1879), wo er unter anderem die Vorlesungen E. Zellers besuchte. 1880 absolvierte er die Magisterprüfungen und wurde dem Ministerium für Volksbildung (MNP) für die Arbeit in der Öffentlichen Bibliothek zugeteilt. Im Winter 1881–1882 absolvierte er einen Forschungsaufenthalt in Wien, um sich auf die Erlangung des Professorentitels vorzubereiten. Allerdings konnte er zuletzt keine Dissertation vorweisen, was ihm die Möglichkeit nahm, an einer Universität zu lehren.

Ab Oktober 1882 arbeitete er in der Öffentlichen Bibliothek in der Abteilung für Philosophie und Pädagogik. Im Jahr 1884 wurde er fest eingestellt. Zusammen mit der Abteilung für Philosophie leitete R. auch die Abteilung für Inkunabel, Aldinen und Elzevir-Drucke. Ab Dezember 1895 war er Mitglied des Wissenschaftlichen Komitees des Ministeriums für Volksbildung, 1899 bis 1919 leitete er die Kommission für den internationalen Austausch des Ministeriums.

Radloffs erste gedruckte Vorträge und erste Übersetzungen hatten die antike Philosophie zum Thema. Im „Journal des Ministeriums für Volksbildung“ wurde in den Jahren 1884–1887 Radloffs Übersetzung der „Nikomachischen Ethik“ des Aristoteles gedruckt („Ethik“ des Aristoteles; in einigen Verlagen wird auf den Titelseiten „St. Petersburg, 1884“ angegeben, da ursprünglich geplant war, den Druck bis 1884 abzuschließen und gleichzeitig den Text als eigenständige Veröffentlichung herauszugeben. Tatsächlich erschien die eigenständige Veröffentlichung erst später – im Jahr 1887). Fürst S. N. Trubezkoi bezeichnete die Übersetzung als „beispielhaft“. Die ethischen Probleme der antiken und der neuen Philosophie standen im Zentrum von Radloffs Aufmerksamkeit. Die zweite Edition der „Ethik“ von Aristoteles (St. Petersburg, 1908) erschien mit einem beigefügten detaillierten „Überblick über die Geschichte der griechischen Ethik vor Aristoteles“ (С. V–LIV). Schon im Jahr 1892 veröffentlichte Radloff in der Zeitschrift „Fragen der Philosophie und der Psychologie“ einen Artikel „Über die Ethik-Fragmente Demokrits“ (Buch 12, S. 1–19). Anfang der 1920er Jahre publizierte er wiederum in der Reihe „Einführung in die Wissenschaft“ einen Aufriss über die Lehren der Antike mit einer umfangreichen annotierten Bibliografie als Anhang (Ethik Пг., 1921[EU1] ). Da Radloff die Meinung vertrat, dass nach Aristoteles in der griechischen Philosophie ein Verfall zu beobachten sei, gingen seine Arbeiten nicht über diesen Zeitraum hinaus.

1889 veröffentlichte R. im Journal des Ministeriums für Volksbildung die umfangreiche Abhandlung „Empedokles“. Dazu gehörten die „Ausschnitte Empedokles‘ Werken“, die „Quellen, die uns an die Philosophie Empedokles‘ heranführen“ (griechische Doxografen und Philosophen: Platon, Aristoteles u. a.) und die Untersuchung „Die Philosophie des Empedokles“. Radloffs Übersetzung der Doxografen wurde zusammen mit Ausschnitten aus dem „Empedokles“ im Anhang zu P. Tannerys Buch „Die ersten Schritte der antiken griechischen Wissenschaft“ (St. Petersburg, 1902. Anhang: S. 40–51, 87–105) neu aufgelegt. Die Übersetzung der Ausschnitte wurde später auch in Anthologien und Lesebüchern gedruckt. So wie andere Studenten M. I. Wladislawlews befasste sich Radloff auch mit der Übersetzung des logischen Werkes des Aristoteles: Im Jahr 1891 wurde im Journal des Ministeriums für Volksbildung seine Übersetzung von Aristoteles‘ „De interpretatione“ (gesonderte Ed.: St. Petersburg, 1891; Wiederauflage: Aristoteles. Werke in 4 Bänden, Bd. 2, Moskau, 1978. S. 91–116) veröffentlicht. Diesem war ein Vorwort beigefügt, in dem die Rezeptionsgeschichte und die Kommentare zu diesem Werk von der Antike bis ins XIX. Jahrhundert dargestellt wurden. Seit den 1880er Jahren hielt Radloff Kurse in Logik, Psychologie und Philosophiegeschichte in den Höheren Kursen für Frauen, an der Kaiserlichen Rechtsschule (1883–1897), am Alexander-Lyzeum (1885–1907), am Pädagogischen Institut für Frauen (1903–1913) und Anfang der 1920er Jahre an der Universität Petrograd. Ein kleiner Teil dieser Kurse ist in Form von Lithografien erhalten geblieben.

1880 machte Radloff Bekanntschaft mit W. S. Solowjow, den er als den „einzigen russischen Philosophen“ ansah. Er wurde zu einem seiner engen Freunde und zum Anhänger seiner Philosophie. Diesem Denker widmete Radloff eine Reihe bedeutender Arbeiten, aus denen sich das Buch „Wladimir Solowjow. Leben und Lehre“ (St. Petersburg, 1913) zusammensetzte. Außerdem bereitete Radloff die Herausgabe der „Briefe Wl. S. Solowjows“ (Bd. 1–3, St. Petersburg, 1908–1911; Bd. 4, Petrorgad 1923) vor.

Nach dem Ableben W. S. Solowjows wurde Radloff an seiner Stelle zum Redakteur des philosophischen Teils im Enzyklopädischen Wörterbuch Brockhaus-Efron (1900, ab dem 60. Halbband) und später zum Redakteur desselben Teils im Neuen enzyklopädischen Wörterbuch. In beiden Wörterbüchern nahm Radloff eine Reihe höchst bedeutsamer Artikel über die antike Philosophie auf. 1904 gab der Verlag Brockhaus-Efron unter Radloffs Redaktion das Werk „Philosophisches Wörterbuch: Logik, Psychologie, Ethik, Ästhetik und Geschichte der Philosophie“ heraus (Wiederauflage 1911, ebenda; zweite korrigierte und ergänzte Ed. erschien bereits unter dem Namen Radloffs 1913). Im Wörterbuch nahmen die Philosophen und die philosophischen Richtungen der Antike einen bedeutenden Platz ein. Dabei versah Radloff, soweit möglich, jeden Artikel mit einer kurzen Bibliografie.

1895 wurde R. zum Mitarbeiter der Redaktion des „Journals des Ministeriums für Volksbildung“. Im Jahr 1899 gab er seine Arbeit in der Öffentlichen Bibliothek auf und wurde zum Redakteur dieser Zeitschrift (er behielt diese Position, bis die Herausgabe Ende 1917 eingestellt wurde). Nach den Worten S. A. Schebeljows in seiner Gedenkrede „brachte Radloff viel Liebe in das von ihm geleitete, verantwortungsvolle Werk und festigte noch mehr die Stellung und die Bedeutung des „Journals des Ministeriums für Volksbildung“ in unserem wissenschaftlichen Umfeld“. Ab 1902 war S. A. Schebeljow, der die Abteilung für klassische Philologie leitete, Radloffs engster Mitarbeiter. Trotz mehrmaliger Versuche diese Abteilung zu schließen, konnte Radloff sie bis zur Schließung der Zeitschrift in unversehrtem Zustand erhalten.

Ab dem Sommer 1916 nahm Radloff die Position eines Assistenten des Direktors der Öffentlichen Bibliothek ein und erfüllte von September 1917 an die Aufgaben des Direktors. 1918 bis 1923 war er erster gewählter Direktor der Bibliothek. Bis 1927 leitete er hier die Abteilung für Philologie und war der Ansicht, dass die Staatliche Öffentliche Bibliothek das „Laborzentrum der russischen Wissenschaft und Museum der russischen Literatur“ bleiben sollte. Radloff selbst besaß eine umfangreiche Bibliothek. Schebeljow bemerkte: „Bis zu seinem Tod liebte E. L. es, Altbuchhändler aufzusuchen und war fähig gute Bücher bei ihnen zu beschaffen.“ Ende der 1910er Jahre verkaufte Radloff einen bedeutenden Teil seiner Sammlung an die Universität Perm (wahrscheinlich hing das damit zusammen, dass B. W. Kasanskij, Radloffs Schwager, 1917–1920 an der Universität Perm unterrichtete).

Im Dezember 1920 wurde R. zum korrespondierenden Mitglied der Akademie der Wissenschaften in der Abteilung für russische Sprache und Literatur gewählt und wurde ab dem Februar 1921 zum Leiter der wieder eingerichteten Philosophischen Gesellschaft an der Universität, an deren Tätigkeit er seit dem Zeitpunkt ihrer Entstehung im Jahr 1898 beteiligt war. 1922 gab die Philosophische Gesellschaft unter der Redaktion von N. O. Losski und Radloff drei Ausgaben der Zeitschrift „Mysl“ heraus, die einer scharfen Kritik vonseiten der Regierung unterzogen und schließlich geschlossen wurde. Außerdem gelang es nicht, die 15-bändige Ausgabe der „Vollständigen Sammlung der Werke“ Platons abzuschließen, die in den Jahren 1922–1929 unter der Redaktion S. A. Schebeljows, L. P. Karsawins und Radloffs veröffentlicht wurde. Das letzte der sechs publizierten Bände erschien 1929 unter Radloffs Redaktion und beinhaltete neue Übersetzungen von „Parmenides“ und „Philebos“, die er jeweils mit seinem Vorwort versah (Bd. 4. S. 3–13; 95–103). Als Bestätigung der alten Freundschaft mit S. A. Schebeljow wurde im selben Zeitraum Radloffs Artikel „Platons ‚Parmenides‘ und Hegel“ in der Artikelsammlung zu Ehren S. A. Schebeljows herausgegeben.

Was Radloffs gesellschaftliche Position in diesen Jahren angeht, so wird diese durch die Erinnerungen eines der eifrigen Anhänger des neuen Regimes K. G. Scharikow charakterisiert, der damals Student an der Fakultät der Sozialwissenschaften war. Nach seinen Worten war Radloff der Ansicht, dass „die Kommunisten und Komsomolzen nicht in der Lage sind, in logischen Kategorien zu denken“ (Universität im Aufstieg // Zum Sturm der Wissenschaft: Erinnerungen der ehemaligen Studenten der Fakultät für Sozialwissenschaften der Leningrader Universität. Leningrad, 1971. S. 26).

R. war einer der ersten Organisatoren der akademischen Kommission für die Geschichte des Wissens (ab dem 12. Dezember 1921 stellvertretender Vorsitzender derselben) und der erste Vorsitzende der Leningrader Gesellschaft der Bibliophilen (1923–1924). Im September 1928 verfasste S. A. Schebeljow eine Stellungnahme zu Radloffs Werken. Diese zielte auf die Wahl Radloffs zu einem wirklichen Mitglied der Akademie der Wissenschaften in einer neuen – philosophischen – Abteilung ab. Radloff lebte jedoch nicht mehr lange genug, um die Wahl zu erleben. Am 7. April 1929 fand eine Sitzung der Kommission für die Geschichte des Wissens an der Akademie der Wissenschaften statt, die dem Gedenken an ihren stellvertretenden Vorsitzenden Radloff gewidmet war. Dabei hielten W. I. Wernadski, S. A. Schebeljow und N. I. Karejew Reden.

Radloff war mit Vera Alexandrowna, geb. Dawydowa (* 1863; † 1938), der Tochter eines Admirals, verheiratet.

Radloffs Kinder: Natalja Ernestowna Radlowa-Kasanskaja (* 26. Februar 1887; † 1938), Theaterpädagogin; Nikolai Ernestowitsch Radloff (* 22. März 1889 in St. Petersburg; † 29. Dezember 1942 in Leningrad), Künstler, Karikaturist, Illustrator von Kinderbüchern; Sergej Ernestowitsch Radloff (* 23. September 1892 in St. Petersburg; † 27. Oktober 1958 in Riga), Theaterregisseur, Verdienter Künstler der RSFSR (1940).

E. L. Radloff war Großvater von Tatjana Borissowna Kasanskaja, Philologin und Spezialistin für romanische Sprachen, und Urgroßvater des Akademikers N. N. Kasanskij, eines klassischen Philologen.

R. wurde auf dem Smolensker lutherischen Friedhof in Sankt Petersburg beerdigt (Abteilung 32).

 

INHALT

Archive

ИРЛИ. Ф. 252.

ОР РНБ. Ф. 626; СПФ АРАН. Ф. Р.–V. Оп. 1–Р. № 34 (Л. 2–5: С. А. Жебелев. Отзыв об ученых трудах Э. Л. Радлова; Л. 11–31: С. А. Жебелев. Эрнест Львович Радлов. Общий очерк его деятельности; Л. 34–43: Н. И. Кареев. Памяти Э. Л. Радлова); Ф. 729. Оп. 1. № 15 (Л. 80–98: С. А. Жебелев. Эрнест Львович Радлов. Некролог).

Arbeiten

Введение в философию. Пг., 1919 (сер. «Введение в науку»); Очерк истории русской философии. СПб., 1912; 2-е изд. Пг., 1920 (в 1925 – переведен на немецкий язык); Этика. Очерк истории греческой этики до Аристотеля. СПб.: Наука, 2002.

Literatur

Альманах библиофила. [Л.], 1929. С. IX (известие о кончине Р.), XI (портр. Р.); Грин Ц.И. Радлов Эрнест Львович // Сотрудники Российской национальной библиотеки – деятели науки и культуры: Биографический словарь. Т. 1: Императорская Публичная библиотека. 1795–1917. – СПб., 1995; Комиссия по истории знаний. 1921–1932 гг. Сб. документов. СПб., 2003: Бычкова И.А. Радлов Эрнест Львович // Немцы России: Энцикл. Т. 3. М., 2006; Бычкова И.А., Михеева Г.В. Эрнест Львович Радлов // История библиотеки в биографиях ее директоров. 1795–2005. СПб., 2006. С. 212–241; Бузескул В.П. Всеобщая история и ее представители в России в XIX и начале XX в. М., 2008; Смоленское лютеранское кладбище. Путеводитель / Сост. Юдина Е.В. СПб., 2009. 

Autoren: Nikolajew N. I.

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