SCHÄFEREIKAPITAL, aus der Verpachtung des ursprünglich für die gemeinschaftliche Schafhaltung bestimmten Landes generierte Einnahmen, mit denen viele südrussische Kolonistenbezirke den Bau von Kirchen und Schulen finanzierten, die Löhne der Lehrer zahlten und vor allem Land für jene junge Kolonisten ankauften, die infolge der Einzelerbfolge landlos blieben.
Bei der Gründung der Kolonien ordnete der Hauptrichter des Fürsorgekontors für Ausländische Ansiedler in Neurussland Samuel Contenius an, in den Kolonistenbezirken für die Haltung von Feinwollschafen (Merinoschafe) bestimmte Landstücke auszuweisen. Schon bald sollte sich allerdings herausstellen, dass die deutschen Bauern nur geringes Interesse zeigten, sich an der mit der Haltung der gemeinschaftlichen Schafherden verbundenen Arbeit zu beteiligen, weswegen diese vor allem von einzelnen Großbauern betrieben wurde, unter denen auch Deutsche waren. Deshalb gingen die Bezirke schon bald dazu über, das sogenannte Schäfereiland in kleinere Landstücke aufzuteilen und zu verpachten.
Im Jahr 1843 verlegten die Bezirke Liebental und Kutschurgan ihre gemeinschaftlichen Schafherden auf ein zwei Jahre zuvor erworbenes, unweit der Kolonie Manheim gelegenes 1.047 Desjatinen großes Landstück. Die Einnahmen aus der Verpachtung der ursprünglich für die Schafhaltung bestimmten, bei der Kolonie Freudental gelegenen 500 Desjatinen Land nutzte der Bezirk Liebental für die Tilgung des für den Kauf des Landes aufgenommenen Kredits sowie für den Bau und Unterhalt einer eigenen Kanzlei. Auch der Bezirk Kutschurgan verfügte bei der Kolonie Elsass über ein 500 Desjatinen großes, ursprünglich für die Schafhaltung bestimmtes Landstück, das allerdings nie diesem Zweck entsprechend genutzt worden war und bis 1866 alljährlich verpachtet wurde. Am 25. August 1867 bestätigte das Ministerium für Staatsdomänen einen zuvor von den Bezirksverwaltungen der Bezirke Kutschurgan und Liebental und Vertretern der in den Mennonitenkolonien Chortiza und Mariupol ansässigen Bauern und Landlosen ausgearbeiteten Plan, dem zufolge die durch die Verpachtung des Schäfereilandes erzielten Einnahmen für den Ankauf neuer Landflächen genutzt werden sollten. Obwohl die Bezirke aufgrund der im Jahr 1872 ausgestellten Besitzurkunde eigentlich verpflichtet waren, die aus der Verpachtung des bei der Kolonie Manheim gelegenen Landstücks erzielten Einnahmen in diesem Sinne zu nutzen, finanzierten sie mit den Erlösen der Pacht den Bau von Kirchen, den Unterhalt von Schulen und vor allem für die Entlohnung der Lehrer. Da die Bezirksverwaltungen bis 1889 nicht auf einer sofortigen Leistung der Pachtzahlungen bestanden, stieg die Zahl der Fälle, in denen sich Schulden infolge der Armut der Pächter nicht eintreiben ließen. Insgesamt erzielten die im Gouvernement Cherson gelegenen Kolonien im Jahr 1890 durch die Verpachtung des früheren Schäfereilandes Einnahmen in Höhe von 415.646 Rubeln. Im Gegensatz dazu hatte der „Schwedische Kolonistenbezirk“ die nach der bereits 1847 erfolgten Auflösung der Schafherden freigewordenen Flächen in der Größe von 300 Desjatinen nach zwischenzeitlicher Verpachtung schon bald unter den Kolonisten verteilt, so dass er später keine zusätzlichen Einnahmen für den Ankauf von Land generieren konnte.
In den Mennonitenbezirken Chortiza und Mariupol standen für die gemeinschaftliche Schafhaltung deutlich größere Landflächen zur Verfügung (2.908 bzw. 3.499 Desjatinen), die zur Verpachtung in etwa 4-5 Desjatinen große Parzellen unterteilt wurden. Die aus der Verpachtung des Schäfereilandes erzielten Einnahmen stiegen im Amtsbezirk Chortiza von 17.084 Rubeln im Jahr 1889 auf 42.091 Rubel im Jahr 1904. Aufgrund dieser positiven Erfahrung wurden auch in den im Amtsbezirk Orlowo (Gouvernement Cherson) gelegenen Tochterkolonien und in den bei Bachmut und Orenburg gelegenen mennonitischen Kolonien spezielle Landstücke reserviert, durch deren Verpachtung der Ankauf von für künftige Landlose bestimmten Landflächen finanziert werden sollte. Durch die Verpachtung der für die Schafhaltung bestimmten Ländereien erzielte der Bezirk Chortiza in den Jahren 1869-1915 einen Reingewinn in Höhe von 1.085.580 Rubeln, von denen 915.069 Rubel für den Ankauf von Land verwendet wurden. Da zu dieser Summe noch eigene Einlagen der Übersiedler sowie Bankkredite hinzukamen, konnte der Bezirk schließlich eine mindestens doppelt so hohe Summe zusammentragen, um für landlose Bauern Land anzukaufen
Der Mennonitenbezirk Molotschna verpachtete 5.948 Desjatinen bzw. 5.455 Desjatinen „Überschussland“, das man in dem einen Fall durch eine 1865 durchgeführte Flurbereinigung und in dem anderen Fall durch die Verengung der Salzstraße gewonnen hatte. Die aus der Verpachtung dieses Landes erzielten Einnahmen wurden größtenteils zum Ankauf neuen Landes sowie zu einem geringen Teil für den Unterhalt der Zentralschule genutzt (4.419 Rubel). So wurden die in den Jahren 1869-89 durch die Verpachtung der genannten Landstücke generierten Einnahmen in Höhe von 1.130.448 Rubeln nahezu ausschließlich für den Ankauf neuen Landes genutzt, das z.T. auch in Sibirien und im Ural lag. In den Jahren 1872-1915 zahlten die Bezirke an 760 nach Sibirien übersiedelnde Familien insgesamt 316.000 Rubel als nicht zurückzuzahlende Hilfe und 385.245 Rubel als Darlehen aus. Abgesehen davon erhielten die in das Gouvernement Samara und nach Orenburg übersiedelnden Kolonisten weitere 216.562 Rubel als Kredit ausgezahlt. Auch der Kolonistenbezirk Molotschna erzielte durch Verkauf des Inventars der Schafställe (53.758 Rubel) und die Verpachtung von insgesamt 6.500 Desjatinen ursprünglich für die Schafhaltung bestimmten Landes erhebliche Einnahmen. Das frühere Schäfereiland wurde in kleine, jeweils fünf Desjatinen große Parzellen aufgeteilt, deren Verpachtung bis 1890 jährliche Einnahmen in Höhe von 30.000 bis 60.000 Rubeln einbrachte, mit denen bis 1890 37.508 Desjatinen Land im Wert von insgesamt 1.338.449 Rubeln erworben wurde. In den Jahren 1903-15 wurde das Schäfereiland in den meisten Fällen an russische Bauern verpachtet, wodurch sich innerhalb von dreizehn Jahren Einnahmen in Höhe von insgesamt 1.584.574 Rubeln erzielen ließen. In den Jahren 1912-15 gaben die beiden auf dem Gebiet des früheren Kolonistenbezirks gelegenen Amtsbezirke 10.000 Rubel ihrer jährlichen Gesamteinnahmen in Höhe von über 150.000 Rubeln für den Bedarf der Zentralschule aus, was deutlich über der ursprünglich vorgesehenen Summe von 3.390 Rubeln lag. Als 1912 beschlossen wurde, das Schäfereikapital für den Bau zweier weiterer in Hochstätt und Heidelberg geplanter Zentralschulen zu verwenden, protestierten die in die Entscheidung nicht eingebundenen Landlosen in zahlreichen an verschiedene Zeitungen gerichteten Leserbriefen gegen diese Zweckentfremdung der eigentlich für den Ankauf von Land bestimmten Mittel.
Zahlreiche Konflikte entzündeten sich auch an dem Umstand, dass die Tochterkolonien gegenüber ihren Mutterkolonien verschuldet waren. Viele übergesiedelte landlose Kolonisten konnte ihre bei der Übersiedlung erhaltenen Kredite nicht bedienen und verkauften ihre Landstücke weiter, so dass der ursprünglich für die Landlosen bestimmte Teil des Schäfereikapital von Leuten genutzt wurde, die dazu nicht berechtigt waren.
Die Enzyklopädie wurde auf die Initiative der öffentlichen Organisation „Föderale nationale Kulturautonomie der Russlanddeutschen“ (FNKA RD) unter aktiver Beteiligung der Internationalen Assoziation zur Erforschung der Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen erstellt. Das Projekt wurde von den Regierungen der Russischen Föderation und der Bundesrepublik Deutschland unterstützt. Während der Projektdurchführung wurden Geldmittel verwendet, welche gemäß den Anordnungen des Präsidenten der Russischen Föderation und auf der Grundlage von durchgeführten Wettbewerben der „Nationalen Wohltätigkeitsstiftung“, den allrussischen öffentlichen Organisationen die „Gesellschaft „Wissen“, die „Russische Union der Rektoren“ u.a., in den Jahren 2015–2017 als Zuschüsse zugewiesen wurden.
1 30.04.2026
Offene Treffen
„Wir selbst“ – Roman und lebendige Erinnerung: In Tomsk findet offenes Treffen mit Alexander Heier stattAm 30. April findet in Tomsk ein offenes Treffen mit Alexander Heier, dem Direktor des Deutsch-Russischen Hauses in Tomsk, statt. Die Teilnehmer erfahren mehr über das Schicksal des Schriftstellers Gerhard Sawatzky, seinen Roman und die Rolle der deutschen Sprache bei der Bewahrung des historischen Gedächtnisses der Russlanddeutschen.
1 30.04.2026
Veranstaltungen
Der gesamtrussische Wettbewerb „Freunde der deutschen Sprache“ startet!Am 27. April fiel der Startschuss für den 10. gesamtrussischen Wettbewerb „Freunde der deutschen Sprache“. In diesem Jahr feiert das Projekt sein Jubiläum und bringt weiterhin Teilnehmer aus dem ganzen Land zusammen, wobei sechs thematische Kategorien für verschiedene Altersgruppen angeboten werden.
1 29.04.2026
Offene Treffen
Deutsches Jekaterinburg: Offenes Treffen über Geschichte der deutschen Gemeinde auf dem StadtplanIn Jekaterinburg findet ein offenes Treffen mit der Kandidatin der Kulturwissenschaften Jekaterina Kaluschnikowa statt, das der Geschichte der deutschen Gemeinde gewidmet ist. Die Teilnehmer erfahren, welche Rolle die Deutschen bei der Entstehung der Stadt gespielt haben – von der Industrie bis hin zu Bildung und Wissenschaft.
1 28.04.2026
Veranstaltungen
Abschlussfeier der Sprachclubsaison im Deutsch-Russischen Haus in Moskau: erste Teil des FeiertagesAm 18. April hat im Deutsch-Russischen Haus in Moskau die Abschlussfeier der ethnokulturellen Sprachclubsaison stattgefunden. Die Teilnehmenden besprachen die Ergebnisse der Arbeit, präsentierten kreative Darbietungen und betonten in ungezwungener Atmosphäre die Bedeutung des Erhalts der Sprache, der Traditionen und der kulturellen Identität der Russlanddeutschen.
1 27.04.2026
Eliteförderung/Avantgarde
Generationendialog und neue Ideen: Kulturhistorisches Seminar im Deutsch-Russischen Haus in MoskauAm 25. April war der letzte Tag des jährlichen Kulturhistorischen Seminars im Deutsch-Russischen Haus in Moskau. Zum elften Mal brachte es Nachwuchswissenschaftler sowie führende Experten aus dem ganzen Land zusammen. Über mehrere Tage diskutierten die Teilnehmerinnen und Teilnehmer die Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen, präsentierten ihre Forschungsergebnisse und suchten nach neuen Entwicklungsfeldern.
1 26.04.2026
Interview
„Hierher möchte man immer wieder zurückkehren“: Erfahrungsberichte der ständigen Teilnehmer des Kulturhistorischen SeminarsDas Kulturhistorische Seminar verbindet seit elf Jahren Forscherinnen und Forscher, für viele von ihnen ist es eine bedeutende Station auf ihrem akademischen Weg. Wir haben mit Teilnehmerinnen und Teilnehmern gesprochen, die immer wieder hierher zurückkehren, darüber, wie sich ihre Erfahrungen verändern, worauf an diesem Projekt der Schwerpunkt liegt und warum es so besonders bleibt.
1 25.04.2026
Veranstaltungen
Kulturhistorisches Seminar – 2026 hat im DRHM begonnen!Am 22. April begann im Deutsch-Russischen Haus in Moskau das jährliche kulturhistorische Seminar, zu dem Studierende, Doktoranden und Nachwuchswissenschaftler aus verschiedenen Regionen des Landes zusammengekommen sind. Über mehrere Tage hinweg werden die Teilnehmer über die Geschichte, Kultur und die aktuelle Entwicklung der Russlanddeutschen diskutieren sowie ihre Forschungsarbeiten vorstellen und wissenschaftliche Erfahrungen austauschen.
1 22.04.2026
Veranstaltungen
Die Sprache als Spiegel des Denkens: Offenes Treffen mit Natalja Doroschewa in BarnaulAm 25. April findet in Barnaul ein offenes Treffen mit der Dozentin sowie Autorin von Lehrbüchern und wissenschaftlichen Artikeln Natalja Doroschewa statt. Die Expertin, die am Forschungsprojekt „Kognitive Metapher im Lichte der Quantentheorie“ arbeitet, wird einen Vortrag zur Philosophie der deutschen Sprache und ihrem Einfluss auf Denken und Gesellschaft halten.
1 22.04.2026
Veranstaltungen
Frühling und Sommer in den Traditionen: Offenes Treffen zu den Kalenderfesten der RusslanddeutschenIm Russisch-Deutschen Haus in Moskau findet ein offenes Treffen mit der Doktorandin und Dozentin der Staatlichen Universität Omsk namens F. M. Dostojewski, Elena Schlegel, statt. Die Veranstaltung ist den Kalenderfesten der Russlanddeutschen im Frühjahrs- und Sommerzyklus gewidmet. Die Teilnehmenden erwartet nicht nur ein wissenschaftlicher Vortrag, sondern auch ein visuelles Eintauchen in die traditionelle Kultur.
1 20.04.2026
Interview
„Lehren ist der schönste Beruf der Welt“: Interview mit Tatjana SmirnowaÜber Wissenschaft, Lehre und die Rolle kulturhistorischer Seminare im Leben junger Forscher. Im Vorfeld eines kulturhistorischen Seminars sprachen wir mit Tatjana Borisowna über ihren beruflichen Werdegang, ihre Lehrprinzipien, die Herausforderungen des heutigen akademischen Umfelds und die Bedeutung wissenschaftlicher Plattformen für junge Menschen.