LAMM, PAWEL ALEXANDROWITSCH (16[28].07.1882, Moskau – 05.05.1951, Siedlung Nikolina Gora, Moskauer Gebiet), Musikwissenschaftler-Textologe, Pianist, Lehrer, Doktor der Künste (1944).
Der aus der Familie eines russifizierten Sachsen stammende Mechaniker Alexander Fjodorowitsch Lamm kam im Alter von 15 Jahren nach Russland, um Geld zu verdienen, und ließ sich in Moskau nieder, wo er später eine Färberei gründete. Mutter war Ekaterina Ossipowna (geb. Stelling), die Tochter eines Färbermeisters aus Bayern, der zum orthodoxen Glauben konvertierte.
Pawel war das vierte Kind der Familie. Er zeigte schon als Kind eine Neigung zur Musik, doch sein Vater bereitete ihn auf die Karriere eines „gelehrten Ökonomen“ vor, da er glaubte, dass Musik für einen Mann nur ein „angenehmes Vergnügen“ sei.
Im Jahr 1901 machte Pawel Lamm seinen Abschluss an der Peter-und-Paul-Schule und schrieb sich auf Drängen seines Vaters noch im selben Jahr zunächst an der Universität Bonn und dann an der Universität Köln ein. Er sollte sich auch auf die Mitarbeit im Familienunternehmen vorbereiten: Handelswissenschaften und Jura studieren. Nach zweijährigem Studium kehrte er ohne Abschluss nach Moskau zurück und arbeitete bis 1907 in verschiedenen Handelsunternehmen und Banken.
Nach dem Tod seines Vaters im Jahr 1902 begann er mit Zustimmung seines älteren Bruders Wladimir selbstständig mit regelmäßigem Klavier- und Musiktheorieunterricht, nahm Privatunterricht bei F.E. Lertscher und A.T. Gretschaninow und begleitete oft seinen Bruder Wladimir, einen Amateursänger. Von 1906 bis 1912 studierte Lamm an der Klavierabteilung des Moskauer Konservatoriums in den Klassen von K.A. Kipp und E.E. Schischkin und erhielt nach seinem Abschluss den Titel „Freier Künstler“.
Seit seiner Studienzeit begleitete er A.V. Stenbock-Fermor, N. A. Olenina-D'Alheim und E.V. Kopossowa. Er trat häufig bei Konzerten der Gesellschaft „Haus des Liedes“ (er war Vollmitglied) und den Abenden zeitgenössischer Musik auf. Gleichzeitig knüpfte er Kontakte zu den Komponisten A.A. Olenin und N.J. Mjaskowski (er widmete Lamm die 7. Symphonie). Bis 1917 gab er Konzerte als Pianist.
In den 1910er Jahren begann Lamm mit mehreren Moskauer Musikverlagen zusammenzuarbeiten (P.I. Jurgensson, A.B. Gutheil, dem Russischen Musikverlag), und nach der Revolution von 1917 leitete er mehrere Jahre (bis 1923) den Staatlichen Musikverlag, war an der Zusammenstellung von Katalogen und der wissenschaftlichen Erschließung von Handschriften beteiligt: Er gründete die Staatliche Musiknotenbibliothek mit Archiven von Handschriften und seltenen Veröffentlichungen. Ab 1918 bekleidete er den Posten des Leiters der Archivabteilung des Museums für historisches und kulturelles Erbe des Volkskommissariats für Bildung.
1914 wurde er als ausländischer Staatsbürger eines Russland feindlich gesinnten Staates verhaftet (er nahm die russische Staatsbürgerschaft nicht an, weil er nicht als Kleinbürger gelten wollte). Er wurde bald freigelassen, aber nach Birsk in der Provinz Ufa verbannt. Und im Jahr 1923 wurde er aufgrund einer falschen Denunziation des Komponisten A.A. Krein (der laut Lamm „nicht wusste, was er tat“) verhaftet und verbrachte mehrere Monate im Butyrka-Gefängnis. Dank der Fürsprache von A.B. Goldenweiser wurde er freigelassen.
1924–1929 ordentliches Mitglied der Musikabteilung der Staatlichen Akademie der Künstlerischen Wissenschaften, 1927–1930 – Korrespondierendes Mitglied des Instituts für Kunstgeschichte. 1938–1947 – Leiter der Kammerklasse der K.S. Stanislawski-Opernstudio.
Nachdem Lamm seine Verwaltungstätigkeit Anfang der 1920er Jahre aufgegeben hatte, ging er ans Moskauer Konservatorium (er unterrichtete von 1919 bis 1951), wo er Klassen für Kammerinstrumental- und Kammervokalensembles, eine Pflichtklasse für (allgemeines) Klavier und eine Klasse für das praktische Studium der sinfonischen Literatur gab. Bei letzterem gab er seinen Schülern die Möglichkeit, Musikliteratur auf der Grundlage seiner eigenen Achthand-Arrangements zu spielen. Diese Praxis wurde von herausragenden Musikern der Zeit, insbesondere dem Pianisten und Professor des Moskauer Konservatoriums G.G. Neuhaus, nachdrücklich unterstützt. Zu Lamms Schülern am Konservatorium zählten der Pianist A.N. Wedernikow, der Cellist V.L. Simon, die Sängerin E.D. Kruglikowa, der Dirigent L.M. Ginzburg und andere. Von 1944 bis 1948 war er Mitarbeiter der Kommission für Quellenkunde und Textkritik des Forschungskabinetts des Moskauer Konservatoriums.
Der Name Pawel Alexandrowitsch Lamm ging dank seiner umfangreichen Arbeit zur Bewahrung und wissenschaftlichen Veröffentlichung des kreativen Erbes russischer klassischer Komponisten in die Geschichte der Musikkultur ein. Ziel dieser Ausgaben, so Lamm, sei es, die Texte der Komponisten unverfälscht wiederzugeben und sie Musikern und Forschern zugänglich zu machen.
Nach dem Vorbild gesammelter Werke, die seit Mitte des 19. Jahrhunderts in Europa veröffentlicht wurden, initiierte Lamm in den 1910er Jahren auf der Grundlage des Studiums von Autographen und der Wiederherstellung des Autorentextes das Projekt „Gesamtwerk M.P. Mussorgskis“. Auf der Grundlage von Handschriften bereitete er die Oper „Fürst Igor“ von A.P. Borodin zur Veröffentlichung vor; die Partitur von Borodins Opernfarce „Die Recken“ (rus.: Bogatyri) wurde vollständig von ihm herausgegeben und für Gesang mit Klavier arrangiert. Die Klavierpartitur wurde gedruckt, aber nach der ideologischen Niederlage der Aufführung von A.J. Tairow mit einem neuen Text von D. Bedny (Kammertheater, 1936), blieb es lange Zeit unveröffentlicht.
Lamm wiederherstellte die Partitur und den Klavierauszug von P.I. Tschaikowskys Oper „Der Wojewode“ aus den erhaltenen Stimmen und edierte und veröffentlichte erstmals mehrere seiner Instrumentalwerke. Er orchestrierte Olenins Oper „Kudeyar“. In Lamms Ausgabe wurden erstmals das Klavierquintett, das Streichtrio und das Sextett von Borodin, die Partituren der Oper „Rusalka“ von A.S. Dargomyschskij, die Symphonien in e-Moll von S. I. Tanejew sowie eine Reihe von Werken von S.W. Rachmaninow, A.K. Ljadow, R. Schumann, E. Grieg, F. List und H. Wolf veröffentlicht.
Dank Lamms Arbeit wurde darstellenden Musikern eine große Bandbreite russischer Musik zugänglich. Für seine Arbeit wurde Pawel Alexandrowitsch mit dem Orden des Roten Banners der Arbeit sowie den Medaillen „Für tapfere Arbeit“ und „Zum Gedenken an den 800. Jahrestag Moskaus“ ausgezeichnet.
Lamms Wohnung im Gebäude des Moskauer Konservatoriums und seine Datscha auf Nikolina Gora wurden in der ersten Hälfte des 20. Jahrhunderts zu Anziehungspunkten für Musiker. Sowohl die Konservatoriumsstudenten von Pawel Alexandrowitsch als auch herausragende Musiker jener Jahre, darunter die Komponisten N.J. Mjaskowski und S.S. Prokofjew besuchten Lamm.
Pawel Alexandrowitsch war der Politik abgeneigt; sogar Gespräche über politische Themen waren in seinem Haus verboten. Doch auch die Wirren der Jahre 1946–1949, unter denen Mjaskowski, Schostakowitsch und viele andere Musiker litten, gingen an ihm nicht spurlos vorüber. Vor dem Hintergrund dieser Ereignisse starb Lamm nach langer Krankheit auf seiner Datscha in der Nähe von Swenigorod und erlebte seinen 70. Geburtstag nicht mehr.
Er wurde auf dem Wwedenskoje-Friedhof begraben.
Ein bedeutender Teil von Lamms dokumentarischem Nachlass, darunter zahlreiche Handschriften seiner Achthand-Arrangements, Materialien zur wissenschaftlichen Edition musikalischer Werke und eine riesige Musikbibliothek, befindet sich in der Sammlung des Russischen Nationalen Musikmuseums.
Die Erinnerung an ihren herausragenden Verwandten wurde von P. A. Lamms Nichte und Adoptivtochter Olga Pawlowna Lamm und seinem Urenkel, dem Musikwissenschaftler und Kandidaten der Kunstgeschichte Denis Germanowitsch Lomtew (geb. 1972), einem Absolventen des Moskauer Konservatoriums (er arbeitete in der Abteilung für Geschichte ausländischer Musik), bewahrt.
Die Enzyklopädie wurde auf die Initiative der öffentlichen Organisation „Föderale nationale Kulturautonomie der Russlanddeutschen“ (FNKA RD) unter aktiver Beteiligung der Internationalen Assoziation zur Erforschung der Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen erstellt. Das Projekt wurde von den Regierungen der Russischen Föderation und der Bundesrepublik Deutschland unterstützt. Während der Projektdurchführung wurden Geldmittel verwendet, welche gemäß den Anordnungen des Präsidenten der Russischen Föderation und auf der Grundlage von durchgeführten Wettbewerben der „Nationalen Wohltätigkeitsstiftung“, den allrussischen öffentlichen Organisationen die „Gesellschaft „Wissen“, die „Russische Union der Rektoren“ u.a., in den Jahren 2015–2017 als Zuschüsse zugewiesen wurden.
1 01.04.2026
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1 27.03.2026
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„Tolles Diktat“ – 2026: über 36.000 Teilnehmer und 80 Regionen RusslandsDie offene gesamtrussische Aktion „Tolles Diktat“ – 2026 brachte 36.051 Teilnehmerinnen und Teilnehmer aus 80 Regionen Russlands und 30 Ländern zusammen und bestätigte damit das große Interesse für die deutsche Sprache und das kulturelle Erbe der Russlanddeutschen.
1 23.03.2026
Interview
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1 18.03.2026
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1 17.03.2026
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1 13.03.2026
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Nachrichten aus den Regionen
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