BETTINGER (Baratajewka, Bartenewka), heute Dorf Worotajewka (Rayon Marx, Gebiet Saratow); im linksufrigen Wolgagebiet an der Mündung des Flusses Wortuba in die Wolga, 263 Werst von Samara und 113 Werst von der Bezirksstadt Nikolajewsk an der Handelsstraße von Nikolajewsk nach Saratow gelegene deutsche Kolonie. Von 1871 bis Oktober 1918 gehörte das Dorf zu den Amtsbezirken Paninskoje bzw. Baratajewka (Bezirk Nikolajewsk, Gouvernement Samara) und war zeitweise Hauptort des Amtsbezirks.
Nach der Gründung der Arbeitskommune der Wolgadeutschen war Bettinger bis 1941 Verwaltungszentrum des im Kanton Marxstadt gelegenen gleichnamigen Dorfsowjets, zu dem im Jahr 1926 neben dem Dorf selbst die Gehöftsiedlungen Majanga, Tränkteich, Brunnen, Fruktowyje Sady und Seifert gehörten. Nach dem 1. Januar 1935 gehörte Bettinger bis 1941 zu dem aus dem Kanton Marxstadt ausgegliederten Kanton Unterwalden (ASSR der Wolgadeutschen).
Die Kolonie wurde am 3. August 1767 von dem Anwerber Baron Caneau de Beauregard gegründet, der dort Anfang August 1767 die dritte Gruppe der ins Wolgagebiet gekommenen Kolonisten ansiedelte (die erste Gruppe war 1766 nach Katharinenstadt, die zweite im Juni 1767 nach Boisroux, Caneau und Paulskoje gekommen). Der 3. August 1767 gilt auch als Gründungstag der Kolonien Susannental und Zürich.
Die Gründer waren 82 vor allem aus Hessen, Preußen und Sachsen stammende Personen (35 Familien). Ursprünglich lag die Kolonie am Ufer des Flusses Maly Karaman, wurde dann aber zwei Jahre nach der Gründung trotz bereits fortgeschrittener Bebauung auf Vorschlag der Fürsorgekanzlei an das Ufer der Wolga verlegt, da das am ursprünglichen Siedlungsort vorhandene salzige und zerklüftete Land für die landwirtschaftliche Nutzung angeblich ungeeignet war. Auch wenn sich diese Entscheidung letztlich als übereilt erwies und durch die Unkenntnis der natürlichen Gegebenheiten vor Ort bedingt war, wurden 1770 in sieben Siedlungen die bereits errichteten Häuser abgebaut und an andere Orte verlegt. 1785 wurden fünf weitere am Fluss Maly Karaman gelegene Siedlungen vollständig aufgegeben.
Ursprünglich hatten die Kolonien keine eigenen Namen und waren lediglich mit einer Ordnungsnummer versehen. Später waren zur Benennung der Siedlungen oft gleich zwei oder drei Namen gebräuchlich, die wahlweise von den Kolonisten selbst gewählt wurden, sich auf den Namen des ersten Vorstehers bezogen oder russische Flussnamen und charakteristische Landschaftsmerkmale aufgriffen. Der Anwerber Beauregard durfte seine Kolonien mit Genehmigung des Fürsorgekontors selbst benennen und auf diese Weise die Namen von Staatsbeamten oder ihm nahestehenden Personen verewigen. So lässt sich auch der Name Baratajewka , den die Kolonie aufgrund des die Benennung der deutschen Kolonien regelnden Erlasses vom 26. Februar 1768 erhielt, auf den Bezirkskommissar Baratajew zurückführen. Der deutsche Name geht auf den ersten Vorsteher der Kolonie Karl Christoph Bettinger zurück, einen aus Dresden stammenden 36-jährigen Schneider, der mit seiner 29-jährigen Frau Johanna und seinem neunjährigen Sohn Johann nach Russland gekommen war.
Die Kolonisten waren größtenteils protestantischer Konfession. Neben zahlreichen Lutheranern wurden auch vier Reformierte angesiedelt. Wie in vielen anderen Kolonien waren unter den ersten Siedlern außerdem auch einige wenige Katholiken. So waren sechs der 82 ersten Kolonisten katholisch: der aus Hilbsted stammende Schuhmacher Johann Georg Wachtel und ein aus Dessau stammender Müller mitsamt ihren Ehefrauen, die Witwe Johanna Richte sowie der Spiegelmacher Michael Sitz aus Undeit.
Jedes Familienoberhaupt erhielt vom Fürsorgekontor in Saratow jeweils eine Kuh und in einigen Fällen auch ein Pferd. Unter den 82 ersten Siedlern waren fünf Schuhmacher, drei Müller, zwei Schneider, ein Fleischer, ein Schlosser, ein Schmied, ein Schaffellgerber, ein Zimmermann und ein Spiegelmacher. Alle übrigen Übersiedler waren Ackerbauern.
Ende des 18. Jahrhunderts reichte die Größe der pro Familie zugeteilten Landstücke von 2,2 Desjatinen in Zug bis 13,8 Desjatinen in Bettinger (Baratajewka). Nach den Zahlen der Revision von 1834 wurden den Kolonisten Landstücke in der Größe von 15 Desjatinen pro Person zugeteilt. Nach den Zahlen der 1857 durchgeführten 10. Revision besaßen 730 männliche Kolonisten Landstücke in der Größe von etwa 6,9 Desjatinen pro Kopf. Mehrere Jahrzehnte zogen sich Rechtsstreitigkeiten zwischen den Kolonisten und den Bauern der Dörfer Rybnoje und Belgorodka bzw. mit den Bauern der Gräfin Wassiljewa hin, die in dem einen Fall Holz in den Wäldern der den Kolonisten gehörenden Ambartowski-Inseln geschlagen hatten und sich im anderen Fall Land angeeignet hatten, auf das auch die Kolonisten Anspruch erhoben. Schließlich wurden den Kolonisten in den Jahren 1812-32 als Ersatz für die verlorenen Waldflächen an anderen Orten gelegene Ländereien zugewiesen.
Auch wenn der Ackerbau im Sawolschje-Gebiet angesichts der vorherrschenden Dreifelderwirtschaft eher konservativ und ohne Düngung betrieben wurde, konnten die deutschen Kolonisten deutlich höhere Ernteerträge erzielen als die in benachbarten Siedlungen ansässigen Bauern. In der Kolonie war die Mehlproduktion recht gut entwickelt. So genehmigte das Fürsorgekontor bereits 1803 den Bau einer ersten großen Wassermühle.
Nach Angaben des Zentralen Statistik-Komitees gab es 1859 in der Kolonie 182 Höfe und einen Markt. Nach Angaben des Statistik-Komitees des Gouvernements Samara gab es 1910 451 Höfe sowie unter anderem einen Wohltätigkeitsverein und ein Waisenheim. Neben der Verwaltung des Amtsbezirks waren in Bettinger auch zwei Strafverfolgungs- bzw. Gerichtseinrichtungen angesiedelt und es gab einen Bezirks-Wachtmeister vor Ort. In den Jahren der Sowjetmacht gab es im Dorf eine Verbrauchergesellschaft und einen Genossenschaftsladen. Im September 1941 wurden die Deutschen aus Bettinger deportiert, das seit 1942 den Namen Worotajewka trägt.
Schule und Erziehungswesen. In der schon seit der Gründung des Dorfes bestehenden Kirchenschule lernten die Kinder im Alter von 7-15 Jahren. Bis zum im Jahr 1808 erfolgten Bau der ersten Kirche fanden Gottesdienste und Schulunterricht in einem gemeinsamen Schul- und Bethaus statt, das in der Kolonie in den ersten Jahren ihres Bestehens errichtet worden war. Die Namen der in der Kolonie tätigen Schulmeister sind größtenteils nicht überliefert. Bekannt ist, dass in den 1820er Jahren ein Kolonist namens Kuhfeld Schullehrer war. Die Kirchenschulen verfolgten vor allem das Ziel, die jungen Leute im Glauben zu unterweisen. In der Schule wurden Religion, Kirchengesang, das Lesen kirchlicher und weltlicher Texte, Schreiben, Rechnen sowie Geschichte unterrichtet. Das für den Leseunterricht verwendete Material war religiösen Inhalts. Der Unterricht wurde von den auch als Küster tätigen Schulmeistern geführt.
Im Verzeichnis der verlorenen Akten des Saratower Kontors für ausländische Siedler im Staatsarchiv des Gebiets Saratow ist eine „Akte über Störungen der Ordnung im Schulhaus der Kolonie Baratajewka“ aufgeführt. Auch wenn das Dokument selbst verloren oder zerstört ist, zeugen die in diesem Verzeichnis erhaltenen Überschriften nicht nur davon, dass es zu diesem Zeitpunkt in der Kolonie ein eigenes Schulgebäude gab, sondern auch davon, dass die Ordnung in der Schule 1824 in einer Weise gestört war, die ein Eingreifen des Fürsorgekontors erforderlich machte. Anfang des 20. Jahrhunderts wurde am zentralen Dorfplatz ein bis heute erhaltener Backsteinbau errichtet, in dem die Gemeindeschule untergebracht war.
Nach den von Pastor Erbes, dem Probst des linksufrigen Wolgagebiets, zum Stand des deutschen Schulwesens zusammengetragenen Daten gab es im Dorf im Jahr 1906 789 Kinder im Alter von 7-15 Jahren, die zum Besuch einer Elementarschule verpflichtet waren. Im Unterschied zu vielen anderen deutschen Siedlungen besuchten in Baratajewka alle Kinder die Schule, während die Kinder in anderen deutschen Dörfern dem Unterricht fernblieben, da ihre Eltern arm und auf die tägliche Mithilfe ihrer Kinder in Handwerk oder Gewerbe angewiesen waren. 1906 besuchten 410 Jungen und 379 Mädchen die Kirchenschule, an der der aus dem Dorf stammende Lehrer Kern die einzige Lehrkraft war. Als das Dorf nach 1907 keinen eigenen Lehrer hatte, wurden die Kinder von Zeit zu Zeit von den in den Nachbarkolonien tätigen Lehrern unterrichtet. Im Schuljahr 1909/10 wurde die Schule vom Inspektor der Kolonien vollständig geschlossen, da sich die Gemeinde geweigert hatte, einen Russischlehrer zu unterhalten. Im Herbst 1910 konnte die Gemeinde nach vierjähriger Pause einen eigenen Lehrer anstellen und beschloss die Gründung einer Semstwo-Schule, die zunächst in einem angemieteten Gebäude untergebracht war, bis 1911 ein neues Schulgebäude errichtet wurde. Nach der Revolution von 1917 wurden alle bestehenden Schulen geschlossen und durch eine Grundschule ersetzt.
Religionszugehörigkeit der Bevölkerung und Kirche. Die Bewohner von Bettinger waren evangelisch-lutherischer Konfession. Bis 1780 gehörte die Gemeinde zum Pfarrsprengel Katharinenstadt. Von 1780 an war Bettinger Zentrum des neugegründeten lutherisch-reformierten Pfarrsprengels Bettinger (Baratajewka), zu dem auch die Gemeinden Glarus (Georgijewka), Basel (Wassiljewka), Zürich (Sorkino) und Schaffhausen (Wolkowo) sowie bis 1820 die in diesem Jahr zum Pfarrsprengel Rjasanowka (Näb) zusammengeschlossenen Kolonien Susannental, Baskakowka, Rjasanowka, Brockhausen und Hockerberg gehörten. Anfänglich wurden die Gottesdienste im Schul- und Bethaus abgehalten. Eine erste von den Kolonisten auf eigene Kosten errichtete Kirche entstand in Bettinger im Jahr 1808. Obwohl sie den Status einer Pfarrkirche hatte, handelte es sich um einen kleinen und eher schlichten Holzbau, der von örtlichen Handwerkern ohne offiziell eingereichten Bauplan und Kostenvoranschlag errichtet wurde. Die Kirche wurde im Jahr 1808 als St. Peter und Paul-Kirche geweiht.
Mit der Zeit konnte die alte Kirche weder dem Status einer Pfarrkirche gerecht werden noch allen Bewohnern der Kolonie Platz bieten. 1863 wurden in der Kirche umfassende Reparaturarbeiten durchgeführt, in deren Verlauf sich die Kolonisten der Notwendigkeit bewusst wurden, eine neue Kirche bauen zu müssen. 1871 wurde in Bettinger eine neue auf einem Steinfundament aufliegende Holzkirche gebaut. Die Architektur dieses nach den Plänen des Gouvernements-Architekten F. Lagus im sogenannten „Kontorstil“ errichteten Baus war nach Auffassung der Zeitgenossen eher schlicht. Hinsichtlich ihrer Innenausstattung und zahlreicher Stilelemente glich die Kirche zahlreichen anderen im Wolgagebiet errichteten lutherischen und katholischen Gotteshäusern, die Lagus nahezu baugleich in vielen deutschen Siedlungen errichten ließ. Charakteristische Merkmale der im „Kontorstil“ errichteten Kirchen waren deren langgezogene Form, ihre im Vergleich zu früheren Kirchenbauten deutlich größeren Maße (das Kirchengestühl der in Baratajewka errichteten Kirche bot Platz für 1.000 Gläubige), ihre massiven Säulen sowie eine gewisse Einfachheit der technischen Lösungen (Holzkirche auf Steinfundament). In der Kirche von Baratajewka gab es eine Orgel der bekannten deutschen Firma „Sauer“ aus Frankfurt an der Oder („Orgelbau W. Sauer“), die 1872 gebaut und nach Russland gebracht worden war.
In allen fünf Kolonien des Pfarrsprengels gab es eigene Filialkirchen. Die erste evangelische deutsche Steinkirche nicht nur des Sprengels Bettinger, sondern des gesamten Wolgagebiets, war die 1832 in Schaffhausen errichtete Dreifaltigkeitskirche. 1839 wurde in Basel der Holzbau der Christi Himmelfahrtskirche und 1862 in Glarus eine Holzkirche errichtet. Einige der im Sprengel Bettinger (Baratajewka) gelegenen Filialkirchen wiesen eine erhebliche architektonische Qualität auf und stellten hinsichtlich ihrer Schönheit sogar die zentrale Kirche des Sprengels in den Schatten. So war die nach den im Juli 1873 ausgearbeiteten Plänen des Berliner Architekten J. Jacobsthal errichtete steinerne Jesus-Kirche in Zürich ein wahres Schmuckstück der deutschen Baukunst.
In den ersten Jahren ihres Bestehens litten die Gemeinden des Wolgagebiets unter extremem Pastorenmangel. So wurden die beiden in Bettinger tätigen Pastoren Christian August Tornow und Klaus Peter Lundberg, die weit über die Grenzen ihrer eigenen Gemeinde hinaus Gottesdienste hielten, in den Chroniken zahlreicher Kirchengemeinden als erste in den jeweiligen Gemeinden aktive protestantische Geistliche erwähnt. Das Problem des Pastorenmangels blieb lange Zeit ungelöst.
Als im Jahr 1823 in den lutherischen Kolonien des Wolgagebiets das Amt eines Probstes eingeführt und für die Berg- und die Wiesenseite der Wolga jeweils entsprechende Würdenträger gewählt wurden, wurde Bettinger zum Zentrum der evangelisch-lutherischen Probstei der Bergseite der Wolga. Die Pröbste, denen eine Mittlerrolle zwischen Konsistorium und Pastoren zukam, waren den Superintendenten und dem Konsistorium unterstellt, mussten einmal in drei Jahren eine Visite der Kirchen durchführen und einmal im Jahr gegenüber dem Konsistorium Rechenschaft ablegen. Sie wurden von allen Pastoren gewählt und vom Superintendenten bestätigt. Lange Zeit befand sich die Residenz des Probstes des linksufrigen Wolgagebiets in Bettinger.
Weit über die Grenzen des Sprengels Bettinger hinaus bekannt war die örtliche Wohltätige Gesellschaft, deren satzungsgemäßes Ziel unter anderem darin bestand, die Armut unter den Gemeindemitgliedern protestantischen Glaubens zu bekämpfen, alte Menschen mit Essen, Obdach und Kleidung zu versorgen, Arbeitsfähige bei der Arbeitssuche zu unterstützen, bettelnden Kindern den Schulbesuch zu ermöglichen, Bedürftigen medizinische Hilfe zukommen zu lassen und auswärtigen Bedürftigen bei der Rückkehr an ihre Heimatorte zu helfen. In Hungerjahren öffnete die Gesellschaft kostenlose Suppenküchen und organisierte wohltätige Konzerte, Theateraufführungen und musikalische Abende.
Bettinger war der Geburtsort von drei lutherischen Pastoren. Pastor Josef Amadei Kohlreiff (1806-1837) wurde in der Familie von Pastor Adam Kohlreiff geboren, der zu dieser Zeit in Bettinger diente. Von 1822 an lebte er mit seinem Vater in Moskau, wo er zunächst Organist und später Pastor der St. Michaels-Kirche war. Pastor Emil Leberecht Ehregott Reusch (1893–1944) schloss das Leningrader Predigerseminar ab, diente in Jeisk und Annenfeld und wurde 1936 verhaftet. Pastor Pawel Iwanowitsch Reichert (1875–1938), der in den Jahren 1925-32 Katechismus und Althebräisch am Leningrader Predigerseminar unterrichtete, war einer der letzten in der Vorkriegszeit in der Sowjetunion noch aktiven lutherischen Pastoren. Im November 1937 wurde er wie auch sein ebenfalls als Pastor tätiger Sohn Bruno (1908-1938) verhaftet, der Spionage zugunsten Deutschlands sowie der Gründung einer faschistischen Gruppierung bei der Leningrader Kirche angeklagt und erschossen.
Auf dem Höhepunkt der Stalinschen Repressionen wurden im Land auch die letzten Ausläufer der Religion vernichtet. 1931 informierte die regionale Kommission für die Prüfung religiöser Angelegenheiten das Präsidium des Zentralexekutivkomitees der ASSR der Wolgadeutschen in einem geheimen Bericht, dass die Kirche in Bettinger noch nicht geschlossen sei und es in der Kirchengemeinde noch 1.064 Gläubige gebe, von denen 34 den Status von „Lischenzy“ hätten, ihnen also das Wahlrecht und andere bürgerliche Rechte aberkannt waren. Der letzte Pastor des Sprengels Ch.O. Hörschelmann emigrierte 1933 aus Sorge vor Repressionen nach Deutschland.
Nachdem der Gemeindevorsteher Krämer die Gläubigen der Gemeinde Bettinger im September 1937 hatte registrieren lassen, fiel die 793 Personen umfassende Liste in die Hände der Partei- und Sowjetorgane, woraufhin er und einige weitere besonders aktive Gemeindemitglieder verhaftet und repressiert wurden. In der Kolchose fand eine „Säuberung“ sowie die „Isolierung fremder Elemente“ statt.
Die Kirche in Bettinger gehörte zu den letzten neun im Wolgagebiet gelegenen lutherischen Kirchen, die erst 1938 auf offizielle Anordnung des Präsidiums des Zentralexekutivkomitees und des Obersten Sowjets der ASSR der Wolgadeutschen geschlossen wurden. Offiziell wurde die Kirche am 11. März 1938 geschlossen, auch wenn dort schon vorher keine Gottesdienste mehr stattgefunden hatten, da sich 838 der 1.030 Gemeindemitglieder für eine Schließung ausgesprochen hatten.
Liste der Pastoren. Pastoren der Pfarrgemeinde Süd-Katharinenstadt, die in Bettinger für die Lutheraner Gottesdienst hielten. Ludwig Baltasar Wern(m)borner (1768-76). Gottlieb May (1778-90). Pastoren der Pfarrgemeinde Nord-Katharinenstadt, die für die Reformierten in Bettinger Gottesdienst hielten: Johann Georg Herwig (1768–69). Hartmann von Moos (1779-80). Liste der Pastoren der Pfarrgemeinde Bettinger (Baratajewka):Christian August Tornow (1780-91). Klaus Peter Lundberg (1792-97). Adam Christian Paulus Kohlreiff (1803-20). Olivier Christoph Holm (1820-22). Johann Pundani (1823-61). Christian Johann Bauer (1861-62). Hieronimys Ludwig Münder (1862-76). Gotthilf Heinrich Keller (1877-78). Ernst Theodor David (1879-89). Richard Keller (1890–1907). Christfried Otto Hörschelmann (1908-33).
Entwicklung der Bevölkerungszahlen. 1767 lebten in Bettinger 82 ausländische Kolonisten, 1773 waren es 139, 1788 - 210, 1798 - 284, - 1816 - 560, 1834 – 1.006, - 1850 – 1.266, 1859 – 1.409, 1883 – 2.080, 1889 – 2.146 Personen. Nach den Daten der Allgemeinen Volkszählung des Russischen Reichs lebten 1897 in Bettinger 2.739 Personen, von denen 2.727 Deutsche waren. Nach Stand zum Jahr 1905 hatte das Dorf 4.184 und 1910 4.366 Einwohner. Anfang des 20. Jahrhunderts war Bettinger nach der Bevölkerungszahl der drittgrößte ländliche Pfarrsprengel der Evangelisch-lutherischen Kirche Russlands (nach den ebenfalls an der Wolga gelegenen Sprengeln Frank und Norka): 1904 lebten im Sprengel 19.762 Personen. Nach den Daten der Allrussischen Volkszählung des Russischen Reichs von 1920 lebten im Dorf 3.381 Personen. 1921 gab es im Dorf 185 Geburten und 393 Sterbefälle. Nach Angaben der Gebiets-Statistikbehörde des Autonomen Gebiets der Wolgadeutschen lebten nach Stand zum 1. Januar 1922 in Bettinger insgesamt 2.759 Personen. Nach den Daten der Volkszählung von 1926 gab es 471 Haushalte (davon 468 deutsche) mit einer Bevölkerungszahl von 2.465 Personen (1.159 Männer und 1.306 Frauen), von denen 2.461 Deutsche waren (1.157 Männer und 1.304 Frauen). 1931 lebten im Dorf 3.313 Personen, von denen 3.307 Deutsche waren.
Das Dorf heute. Heute ist das Dorf Worotajewka (Rayon Marx, Gebiet Saratow) deutlich kleiner als vor der Revolution. Mit jedem Jahr sinkt die Einwohnerzahl. Als die Allgemeinbildende Grundschule Worotajewka im Dezember 2009 ihr 25-jähriges Jubiläum beging, hatte sie nur noch zehn Schüler, was gerade einmal 1% der vorrevolutionären Schülerzahlen entsprach. Nichtsdestotrotz appellierten die Dorfbewohner im Mai 2009 angesichts der drohenden Schließung der Schule an den Gouverneur des Gebiets Saratow, sich für deren Bewahrung einzusetzen, da das Dorf durch eine Schließung der Schule zum „Aussterben“ verdammt sei. Im Jahr 2010 wurde die Schule geschlossen. Die im Dorf verbliebenen Kinder gehen in Georgijewka zur Schule.
Es bleiben auch immer weniger Objekte der deutschen Architektur erhalten. So ist auch das Kirchengebäude heute zerstört, von dem die der Geschichte der Russlanddeutschen gegenüber nicht gleichgültigen Dorfbewohner noch Ende des 20. Jahrhunderts stolz erklärten, dass es praktisch die einzige bis in die heutige Zeit erhaltene Holzkirche im Gebiet Saratow sei. Und tatsächlich waren von den einst Hunderten lutherischen Holzkirchen im Wolgagebiet Anfang der 1990er Jahre nur noch sechs erhalten. Die Kirche in Worotajewka hatte zwar keinen Turmhelm mehr, das Dach vermoderte und an einigen Stellen bröckelte das Fundament, aber das große zweistöckige Gebäude erinnerte noch immer an die deutschen Lutheraner und lockte Freunde der Geschichte der Russlanddeutschen nach Worotajewka.
Die Kirche in Worotajewka wurde bei einem Brand zerstört. Heute ist nur noch das Fundament erhalten, auf dem sich viel Schutt und Müll angesammelt hat. Anhand des Umfangs dieser wilden Müllkippe lässt sich die Größe der früheren Kirche erkennen. Auf die „Phantom-Kirche“ schauen noch immer die neun Fenster des Backsteinbaus der früheren kirchlichen Gemeindeschule und die vier Fenster des Pfarrhauses. Beide Gebäude wurden Anfang des 20. Jahrhunderts aus rotem Backstein errichtet. Der alte zentrale Dorfplatz ist von Ende des 19. und Anfang des 20. Jahrhunderts errichteten Holzhäusern umgeben. Im heutigen Worotajewka lassen sich nur noch einige wenige typische deutsche Holzhäuser finden, die ihr ursprüngliches Erscheinungsbild bewahrt haben. Die meisten sind vollständig zerstört, viele schon lange verklinkert und umgebaut.
Die Enzyklopädie wurde auf die Initiative der öffentlichen Organisation „Föderale nationale Kulturautonomie der Russlanddeutschen“ (FNKA RD) unter aktiver Beteiligung der Internationalen Assoziation zur Erforschung der Geschichte und Kultur der Russlanddeutschen erstellt. Das Projekt wurde von den Regierungen der Russischen Föderation und der Bundesrepublik Deutschland unterstützt. Während der Projektdurchführung wurden Geldmittel verwendet, welche gemäß den Anordnungen des Präsidenten der Russischen Föderation und auf der Grundlage von durchgeführten Wettbewerben der „Nationalen Wohltätigkeitsstiftung“, den allrussischen öffentlichen Organisationen die „Gesellschaft „Wissen“, die „Russische Union der Rektoren“ u.a., in den Jahren 2015–2017 als Zuschüsse zugewiesen wurden.
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